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Spielrein, Sabina

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Sabina Spielrein wurde 1885 als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie im russischen Rostow geboren. Ihr weltoffener Vater Nicolay Spielrein war von Beruf Kaufmann, ihre Mutter Eva (geb. Luyublinskaya) hatte Zahnmedizin studiert, übte ihren Beruf jedoch nicht aus. Spielrein erhielt wie ihre drei jüngeren Brüder eine mehrsprachige Ausbildung durch Privatlehrer und absolvierte gleichzeitig ein Mädchengymnasium in ihrer Heimatstadt. Nach der Matura übersiedelte sie 1904 zum Medizinstudium nach Zürich, wo sie psychisch schwer erkrankte und die von Eugen Bleuler geleitete Psychiatrische Klinik Burghölzli eingewiesen wurde. Während ihres zehnmonatigen stationären Aufenthalts wurde sie von dem jungen Oberarzt C.G. Jung, der ihre Erkrankung als „psychotische Hysterie“ diagnostizierte, behandelt. Spielrein war Jungs erster „psychoanalytischer Schulfall“, bei dem sie nach ihrer Entlassung ihre Therapie bis 1909 ambulant fortsetzte. In den folgenden Jahren wurde sie Jungs Patientin und Versuchsperson, seine Muse und bald auch seine Geliebte. Nach ihrer Entlassung kam es zu heimlichen Treffen mit dem verheirateten Jung, Spielreins erster Liebe, bis die Situation schließlich eskalierte. Der Briefwechsel zwischen Spielrein, Jung und Freud macht den Missbrauch Jungs und die Komplizenschaft der Männer gegen die Frau, die „Kleine“, wie sie Spielrein nannten, deutlich.

Nach ihrer Entlassung konnte Spielrein ihr Medizinstudium aufnehmen und setzte sich gleichzeitig intensiv mit der Freudschen Lehre auseinander. Sie wurde Jungs Schülerin und nahm an den Sitzungen der Züricher Psychoanalytischen Gruppe teil. 1911 promovierte sie mit einer Dissertation „Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie“, die zunächst von Bleuler, später von Jung betreut wurde. Nach dem Abbruch ihrer Beziehung zu Jung übersiedelte sie 1911 nach Wien und wurde im selben Jahr Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV). Ein Jahr später heiratete sie den russischen Arzt Paul Scheftel, mit dem sie zwei Töchter hatte. 1912 ließ sie sich zunächst in Berlin nieder, entschloss sich aber nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, nach Lausanne zu ziehen. Dort unterbrach sie ihre psychoanalytische Arbeit, war an einer chirurgischen Klinik tätig und ließ sich in Kompositionslehre ausbilden. 1919 wendete sie sich wieder der Psychoanalyse zu und nahm erneut Briefkontakt zu Jung auf, dessen Werke sie ins Russische übersetzte. Nach ihrer Übersiedelung nach Genf nahm sie an den Sitzungen der dortigen psychoanalytischen Vereinigung teil und arbeitete am pädagogischen Institut Jean-Jacques Rousseau, wo sie Vorlesungen über Psychoanalyse und Pädagogik hielt, Beratungen für Kinder sowie Lehranalysen durchführte. Einflussreich für Spielreins wissenschaftliche Forschungen wurde ihre Zusammenarbeit mit Charles Bally, dem Leiter der Genfer Schule für Linguistik, und ihre Begegnung mit Jean Piaget, der sich mehrere Monate lang einer Analyse bei ihr unterzog.

1923 kehrte Spielrein mit ihrer Familie nach Sowjetrussland zurück, wo sie der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung beitrat und als Lehranalytikerin am Psychoanalytischen Institut in Moskau tätig war. Drei Jahre später übersiedelte sie in ihre Heimatstadt Rostow. Sie lehrte an der dortigen Universität, gründete ein psychoanalytisches Kinderheim und eine Kinderklinik und unterhielt bis zum offiziellen Verbot der Psychoanalyse 1936 eine Privatpraxis. Nach der Besetzung von Rostow durch die Deutsche Wehrmacht wurden Sabina Spielrein und ihre Töchter 1941 in einer Synagoge ermordet.

Von Sabina Spielrein sind dreißig, zum Teil kurze Arbeiten überliefert. In ihrer Dissertation „Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie“ entwickelte sie unter dem Einfluss von Bleuler und Jung ihre Vorstellung vom „Parallelismus der Gedanken“. Sie ging dabei von der Annahme aus, dass dem dissoziierten Denken Schizophrener ein realer Sinn, der dem mythologischen Denken analog sei, zugrunde liege und entschlüsselt werden müsse. Sie untersuchte die wirren Gedankengänge einer paranoiden Patientin, deren Krankenakte sie zunächst nicht einsah und in deren Träumen und psychotischem Erleben sie zahlreiche Übereinstimmungen mit der Mythologie erkannte. Es gelang ihr, einen Großteil der irrealen Gedankengänge auf reale Gegebenheiten im Leben der Patientin zurückzuführen und zu interpretieren. Dabei ergänzte sie ihre Analyse mit mythologischen Vergleichen, wobei sie Anleihen bei Jungs gleichzeitig entstandener und wenig später veröffentlichter Arbeit über mythologische Deutung nahm. Sie kam zu dem Schluss, dass schizophrene Erkrankungen „nicht eine Isolation von der Welt“ und die „Unmöglichkeit, verstanden zu werden“, bedeuten, sondern einen Versuch darstellen, „die Welt zu begreifen und sich auszudrücken“ (Carotenuto 1986, 272f.). Ihre Arbeit stellte „einen überzeugenden Weg“ dar, „Freuds Annahmen über die Abwehr mit der Phänomenologie der Dementia praecox zu verbinden“ (Kerr 1994, 353).

1912 veröffentlichte sie ihre Arbeit über „Die Destruktion als Ursache des Werdens“, die weitgehend in Vergessenheit geriet, obwohl sie damit deutlichen Einfluss auf Freuds später entwickelte Todestriebtheorie nahm. Am Ausgangspunkt ihrer Untersuchung stand die Frage, warum sexuelle Wünsche so häufig mit Todesvorstellungen gekoppelt sind. Spielrein ging von der „biologischen Tatsache“ aus, dass das Werden ein Resultat der Destruktion und durch diese bedingt sei. Dem „Werden“ des Menschen geht zunächst eine Vernichtung voraus, da während der Befruchtung ein Teil des Individuums sterben müsse, damit neues Leben entstehe. „Der Zeugungsakt selbst besteht in der Selbstvernichtung“ (Spielrein 1912, 113) und nur durch die Transformation des Alten, kann Neues entstehen. Die Destruktion stehe also am Ursprung des Lebens, habe sehr wohl einen Sinn und könne nicht als krankhafte Erscheinung interpretiert oder auf eine sadomasochistische Pathologie reduziert werden. Nur wenn die Destruktionsvorstellungen überhand nehmen, läge eine neurotische Erkrankung vor. Sie stimmte mit Freud überein, dass das Individuum dem Lustprinzip folge, jedoch könne es auch „direkt Lust an der Unlust haben und Lust am Schmerz“ und sich somit gegen den Selbsterhaltungstrieb richten. Der Selbsterhaltungstrieb gerate in diesem Fall in Konflikt mit dem Arterhaltungstrieb. Letzterer sei ein dynamischer Trieb, der die „Auferstehung des Individuums in neuer Form anstrebt“ (Spielrein 1912, 127f.), während der Selbsterhaltungstrieb statisch sei und das Individuum vor fremden Einflüssen zu schützen sucht. Zum Zweck der Arterhaltung müsse das Individuum das „Opfer“ bringen, im Anderen unterzugehen, einen Teil von sich aufzugeben. Die Destruktion ist somit immer ein Bestandteil der Sexualität, der Liebesakt eine Form der Selbstauflösung, der sowohl „verschönen“ als auch „zerstören“ kann.

Ab 1912 wandte sich Spielrein zunehmend der Kinderpsychoanalyse zu, die sie mit der Entwicklungspsychologie und Linguistik in Verbindung setzte. Unabhängig von Hermine Hug-Hellmuth und Melanie Klein entwickelte sie einen eigenständigen Ansatz, in dem sie jegliche suggestive Einflussnahme von Seiten des Analytikers/der Analytikerin ablehnte. 1920 untersuchte sie in der Studie „Zur Frage der Entstehung und Entwicklung der Lautsprache“, wie sich das Individuum aufgrund seiner Sprache zum Sozialwesen entwickle. „Den Rahmen ihrer wie immer dualistisch ausgerichteten Arbeit bildete der Kontrast zwischen autistischen und sozialen Sprachen (Gesang, Dichtung)“, wobei sie die Sprache als einen „Vermittlungsbereich zwischen Lust- und Realitätsprinzip“ interpretierte (Appignanesi/Forrester 2000, 304). Sie erkannte, dass das Kind schon im vorsprachlichen, autistischen Stadium fähig sei, durch nonverbale Mittel mit seiner Umwelt zu kommunizieren und seine Wünsche und seinen Zustand mitzuteilen. In einem zweiten Entwicklungsschritt, der „magischen Phase“, könne das Kind durch erste primitive Worte bereits verbalen Kontakt mit den Pflegepersonen aufnehmen. Spielrein nahm in dieser Arbeit spätere Gedanken von Melanie Klein vorweg.

In ihrem Beitrag „Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben“ (1923) ging sie der Frage nach der Wahrnehmung von Zeit nach. Mit ihrer Theorie von der „unterschwelligen Zeitwahrnehmung“, die zwischen Vorbewusstsein und Unterbewusstsein liegt, untersuchte sie, inwiefern das „bewusst gerichtete Denken“ an Zeit, Raum und Kausalität gebunden ist (Spielrein 1923 319). Sie glaubte, dass das Zeitkonzept des Kindes ähnlich funktioniere, wie während des Traumerlebens. Vertrauter als der Zeitbegriff sei dem Kind zunächst der Raum- und der Kausalitätsbegriff. Das Kind kenne vorerst nur die Gegenwart und unmittelbare Zukunft, während die Vergangenheit für das vorbewusste Denken noch zu schwierig zu erfassen sei und nur „durch räumliche Metaphern dargestellt wird, die auf eine Entfernung von der Gegenwart hindeuten“ (Appignanesi/Forrester 2000, 306). Das Kind lebt völlig im „Da“sein und entwickelt nach und nach eine Vorstellung vom „Nichtda“sein, das den Grundstein für die später entwickelte Fähigkeit eines Vergangenheitsdenkens legt. Erst durch die äußere Realität wird das Kind „gezwungen“ zunehmend „auch die entgegengesetzte Richtung zu leben, auch die Versagung und Vernichtung kennenzulernen“ (Spielrein 1923, 333).
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Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1911), Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 3, S. 329-400.

(1912), Die Destruktion als Ursache des Werdens. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 4, S. 465-503 (zit. n. Spielrein (2002), S. 98-143).

(1912), Beiträge zur Kenntnis der kindlichen Seele. In: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 3, S. 57-72.

(1913), Die Schwiegermutter. In: Imago 2, S. 589-591.

(1920), Zur Frage der Entstehung und Entwicklung der Lautsprache. In: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 6, S. 401.

(1920), Renatchens Menschentstehungstheorie. In: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 6, S. 155-157.

(1922), Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und Mama. In: Imago 8, S. 345-367.

(1923), Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben. In: Imago 9, S. 300-317 (zit. n. Spielrein (2002), S. 318-334).

(1923a), Einige Mitteilungen aus dem Kinderleben. In: Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 2, S. 95-99.

(1931), Kinderzeichnungen bei offenen und geschlossenen Augen. In: Imago 17, S. 359-391.

Werkausgabe
(2002), Sämtliche Schriften, mit einem Vorwort von Ludger Lütkehaus, Gießen.

Sekundärliteratur

Appignanesi, Lisa/Forrester, John (1992), Freud’s Women, London.
dt.: Appignanesi, Lisa/Forrester, John (2000), Die Frauen Sigmund Freuds, München.

Carotenuto, Aldo (Hrsg.) (1986), Sabina Spielrein. Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, mit einem Vorwort von Johannes Cremerius, Freiburg/Breisgau.

Covington, Coline/Wharton, Barbara (Eds.) (2003), Sabina Spielrein. Forgotten Pioneer of Psychoanalysis, Hove/New York.

Felka, Rike (1994), Sabina Spielrein (1885-1941). Parallelismus und Abstinenz. In: Barbara Hahn (Hrsg.), Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt, München, S. 166-188.

Freud, Sigmund/Jung, Carl Gustav (1991), Briefwechsel, hrsg. v. McGuire, William/Sauerländer, Wolfgang, Frankfurt a.M.

Kerr, John (1994), Eine höchst gefährliche Methode. Freud, Jung und Sabina Spielrein, München.

Macías, Trinidad Simón (2014), Juego Limpio. Sabina Spielrein entre Jung y Freud y los tiempos actuales, ed. Psimática, Madrid.

Minder, Bernhard (1994), Sabina Spielrein. Jungs Patientin am Burghölzli. In: Luzifer-Amor 14, S. 55-127.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Richebächer, Sabine (2005), Sabina Spielrein. „Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft“, Zürich.

Stephan, Inge (1992), Die Gründerinnen der Psychoanalyse. Eine Entmythologisierung Sigmund Freuds in zwölf Frauenporträts, Stuttgart.

Zvi, Lothane (2001), Zärtlichkeit und Übertragung – Unveröffentlichte Briefe von C. G. Jung und Sabina Spielrein. In: Psychoanalytische Blätter 18, S. 35-69.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer, laufend erweitert durch die Sigmund Freud Privatstiftung

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