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Breuer, Josef

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15.1.1842/Wien—20.6.1925/Wien
Josef Breuer wurde 1842 als Sohn Leopold Breuers geboren, der als Religionslehrer in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens tätig war und zur ersten Generation von Juden gehörte, die aus der intellektuellen Enge des Ghettos ausgebrochen war und sich westliche Bildung angeeignet hatte. Nach Privatunterricht bei seinem Vater besuchte Breuer das Akademische Gymnasium und studierte ab 1859 Medizin an der Universität Wien, nachdem er vorher ein Jahr allgemeine Vorlesungen, vor allem Wirtschaftsgeschichte und Philosophie, gehört hatte. Breuer beendete sein Studium 1867 und wurde bald darauf Assistent des Internisten Johann v. Oppolzer. Im Jahr 1868 heiratete er Mathilde Altmann, mit der er im Laufe der Ehe fünf Kinder hatte, eröffnete 1871 eine Praxis als praktischer Arzt, wurde 1875 Privatdozent für Innere Medizin, legte seine Dozentur jedoch 1885 nieder.

Der auch philosophisch und literarisch gebildete Breuer entwickelte sich zu einem der gesuchtesten und beliebtesten Ärzte Wiens, vor allem das gehobene Bürgertum schätzte seine hervorragenden diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten. Die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wurde, zeigte sich auch daran, dass ein großer Teil des Professorenkollegiums Breuer konsultierte und er schließlich 1894 zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt wurde, eine große Seltenheit für einen praktischen Arzt, der nicht im akademischen Establishment der Universität verankert war.

Neben seiner Tätigkeit als praktischer Arzt setzte Breuer seine physiologischen Forschungen fort, für deren Resultate er auch heute noch zu den großen Physiologen des 19. Jahrhunderts gerechnet wird. Als Assistent hatte er bereits 1868 gemeinsam mit Ewald Hering die reflektorische Selbststeuerung der Atmung entdeckt ("Hering-Breuer-Reflex"). Weiters führte er Untersuchungen zu Bau und Funktion der Bogengänge des Ohrlabyrinthes durch. Er baute dabei auf Forschungen des Königsberger Physiologen Goltz auf, der 1870 festgestellt hatte, dass die Bogengänge ein Organ zur Wahrnehmung der Bewegungen des Kopfes im Raum sind. Goltz vermutete, dass der niedrigste Punkt eines Bogenganges durch das Gewicht der Endolymphe, einer zähen Flüssigkeit in den Bogengängen, stimuliert würde. Breuer dagegen stellte fest, dass es nicht Druck ist, sondern die durch die Drehbewegung des Kopfes ausgelöste Rotationsbewegung der Endolymphe, die auf nervöse Rezeptoren in den Bogengangsampullen wirkt. Durch die Lage der drei Bogengänge, die senkrecht zueinander stehen, werden Bewegungswahrnehmungen in allen drei Raumebenen ermöglicht. Zeitgleich kamen unabhängig von Breuer auch der Physiker Ernst Mach und der Schottische Chemiker A. Crum Brown zu der gleichen Erklärung der Funktion der Bogengänge ("Mach-Breuersche Strömungstheorie der Endolymphe"). Daneben untersuchte Breuer auch die Funktion des Otolithenapparates und entdeckte, dass dessen Aufgabe die Feststellung der Lage des Kopfes im Raum und die Wahrnehmung von geradlinigen Beschleunigungen ist.

Durch Zufall wurde Breuer 1880 während der Behandlung eines Patienten auf dessen Tochter aufmerksam, die mit bürgerlichem Namen Bertha Pappenheim hieß und die in der Falldarstellung, die allerdings erst 1895 von Breuer in den gemeinsam mit Sigmund Freud verfaßten Studien über Hysterie _veröffentlicht wurde, als "Anna O." bekannt wurde. Die Patientin hatte während der Krankheit ihres Vaters schwere hysterische Symptome, wie halbseitige Lähmung, Aphasie, nervösen Husten, Nahrungsverweigerung, entwickelt. Breuer begann Anna O. unter Hypnose zu behandeln und stellte fest, dass die hysterischen Symptome im Wachzustand verschwunden waren, wenn es gelungen war, im Gespräch ihr erstes Auftreten sprachlich zu wiederholen, und dadurch die Energie der begleitenden Affekte, die später in Symptome transformiert worden war, abgebaut werden konnte. Anna O. selbst nannte diesen Vorgang in einer Phase, in der sie nur Englisch sprechen konnte "talking cure" und "chimney sweeping". In den _Studien über Hysterie wurde diese Behandlungsart als "kathartische Methode" bezeichnet und in Theorie und Praxis dargestellt. Damit war der erste Grundstein zur Psychoanalyse gelegt, die später von Freud weiterentwickelt werden sollte. Breuer führte nach der Therapie von Anna O. keine weitere Behandlung nach kathartischer Methode mehr durch, zum einen, weil seine Tätigkeit als vielbeschäftigter praktischer Arzt ihm keine Zeit für die zeitintensive Gesprächstherapie ließ, zum anderen, weil Anna O. am Ende der Behandlung eine heftige, sexuell aufgeladene Übertragung entwickelt hatte, die Breuer konsterniert hatte.

Bald nach der Veröffentlichung der Studien über Hysterie zerbrach die Freundschaft zwischen Breuer und Freud aufgrund persönlicher und sachlicher Differenzen, da u.a. Breuer die von Freud postulierte Rolle der Verführung im Kindesalter in der Ätiologie der Hysterie nicht anerkennen mochte. Erst Jahre später sollte Freud einsehen, dass er sich geirrt und den phantastischen Erzählungen seiner Patienten zu sehr geglaubt hatte.

Obwohl kein persönlicher Kontakt zwischen Breuer und Freud mehr bestand, war Freud sich zeitlebens bewusst, welch bedeutende Leistungen sein ehemaliger Freund Breuer für die Entstehung der Psychoanalyse erbracht hatte.

_Christian Huber
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Bibliografie

Primärliteratur

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(1874), Über die Function der Bogengänge des Ohrlabyrinthes. In: Medizinische Jahrbücher 4, S. 72-124.

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(1875), Beiträge zur Lehre vom statischen Sinne (Gleichgewichtsorgan, Vestibularapparat des Ohrlabyrinths). Zweite Mittheilung. In: Medizinische Jahrbücher, S. 87-156.

(1889), Neue Versuche an den Ohrbogengängen. In: Arch. Physiol. 44, S. 135-152.

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(1893) gem. mit Sigmund Freud, Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Vorläufige Mittheilung. In: Neurologisches Zentralblatt 12, S. 4-10, 43-47. Zugleich in: Wiener med. Blätter 16, S.33-35, 49-51.

(1895) gem. mit Sigmund Freud, Studien über Hysterie, Leipzig, Wien. TB: (1991), Studien über Hysterie. Einleitung von Stavros Mentzos, Frankfurt/M.
engl.: (1955), The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud, vol. ii, Studies on Hysteria, trans. James and Alix Strachey, London.

(2004), Studies in Hysteria, trans. Nicola Luckhurst, London.

(1903), Studien über den Vestibularapparat. In: Sitzungsberichte der Akad. der Wissenschaften Wien, math.-naturwissenschaftl. Klasse 112/3, S. 315-394.

(1907), Über das Gehörorgan der Vögel. In: Sitzungsberichte der Akad. der Wissenschaften, math.-naturwissenschaftl. Klasse 116/3, S. 249-292.

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Briefwechsel
Ebner-Eschenbach, Marie von - Josef Breuer (1969), Ein Briefwechsel, 1889-1916. Hrsg. Robert A. Kann, Wien.

Sekundärliteratur

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Auch in: Ellenberger (1993), Beyond the Unconscious. Essays of Henri F. Ellenberger in the History of Psychiatry. Introduced and Edited by Mark S. Micale, Princeton, New Jersey, pp. 254-272. Freeman, Lucy (1972), The Story of Anna O., New York.
dt.: (1973), Die Geschichte der Anna O. Der Fall, der Sigmund Freud zur Psychoanalyse führte, München.

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engl.: (1989), The Life and Work of Josef Breuer: Physiology and Psychoanalysis, New York, London.

Hirschmüller, Albrecht (1998), Max Eitingon über Anna O. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 40, S. 9-30.

Konz, Britta (2005), Bertha Pappenheim (1859-1936). Ein Leben für jüdische Tradition und weibliche Emanzipation, Frankfurt/Main (=Geschichte und Geschlechter 47).

Meyer, Hans-Horst (1928), Josef Breuer. In: Neue Österreichische Biographie 1815-1918, Bd. 5, Wien, S. 30-47.

_Zusammengestellt von Christian Huber
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