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Reik, Theodor

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Theodor Reik kam 1888 als Sohn des jüdischen Bankinspektors Max Reik und seiner Frau Karoline (geb. Trebitsch) in Wien zur Welt. Nach der Matura begann er an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien mit dem Studium der Psychologie und besuchte nebenbei auch philosophische und literaturhistorische Vorlesungen. 1910 wurde er auf Freuds Traumdeutung aufmerksam, zu dem er wenig später Kontakt aufnahm. 1911 verfasste Reik mit seiner Dissertation über Flaubert und seine ‘Versuchung des heiligen Antonius’: ein Beitrag zur Künstlerpsychologie die erste von der psychoanalytischen Lehre beeinflusste Doktorarbeit (Mühlleitner 1992, 260). Im selben Jahr hielt er vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) seinen Antrittsvortrag „Über Tod und Sexualität“ und absolvierte von 1914 bis 1915 am Berliner Psychoanalytischen Institut eine Lehranalyse bei Karl Abraham. Wie Otto Rank und Hanns Sachs räumte auch Reik in seinen Forschungen der Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften breiten Raum ein und verfasste zahlreiche literaturpsychologische Studien, wie etwa eine Arbeit über Arthur Schnitzler als Psycholog (1913). Mit seinem Aufsatz über “Die Pubertätsriten der Wilden. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker” erhielt er 1915 den ersten Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der angewandten Psychoanalyse, der von Freud gestiftet worden war.

Im Ersten Weltkrieg diente Reik als Kavallerieoffizier in der k.u.k. Armee. 1918 kehrte er nach Wien zurück, wo er als Psychoanalytiker praktizierte und als zweiter Sekretär und Bibliothekar der WPV tätig war. 1925 wurde Reik von einem Patienten der Kurpfuscherei bezichtigt und unter Anklage gestellt. Der Prozess und die nachfolgenden Diskussionen veranlassten Freud, ein Jahr später seine Sicht „Zur Frage der Laienanalyse“ darzulegen, in welcher er sich für die Laienanalyse aussprach, die er für die geistige Weiterentwicklung der Psychoanalyse als unentbehrlich betrachtete. 1928 übersiedelte Reik nach Berlin, wo er als Lehranalytiker am Berliner Psychoanalytischen Institut arbeitete. Nach Hitlers Machtübernahme flüchtete er zunächst nach Holland, bis er sich 1938 in New York niederließ. Im Gegensatz zu Freud stand der Großteil der amerikanischen Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen der Laienanalyse ablehnend gegenüber. Reik wurde zwar als Ehrenmitglied in die New York Psychoanalytic Society aufgenommen, die Vollmitgliedschaft wurde ihm hingegen verwehrt. Es wurde ihm gestattet, als Lehranalytiker zu unterrichten, jedoch nicht zu praktizieren. Nach Freuds Tod wandte sich Reik zunehmend von der orthodoxen Psychoanalyse ab. 1948 gründete er mit einer Gruppe von Anhängern und Anhängerinnen die National Psychological Association for Psychoanalysis (NPAP), der eine Klinik angeschlossen war und welche die Zeitschrift The Psychoanalytic Review herausgab. Theodor Reik starb am 31. Dezember 1969 im Alter von 82 Jahren in New York.

Erste internationale Anerkennung erlangte Reik mit seinen kriminalpsychologischen Studien Geständniszwang und Strafbedürfnis. Probleme der Psychoanalyse und der Kriminologie (1925) und Der unbekannte Mörder (1932). Ähnlich wie seine Kollegen Franz Alexander, Hugo Staub und Erich Fromm hoffte Reik, mit Hilfe der Psychoanalyse zu „eine(r) grundlegende(n) Veränderung der kriminologischen Theorie und Praxis“ (Rattner 1995, 201) beitragen zu können. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stand die Frage, warum sich der/die Verbrecher/Verbrecherin oftmals unbewusst selbst verrät. Dieses „Geständnisphänomen“ veranschaulichte nach Reik, wie einflussreich sich die unbewussten moralischen Maßstäbe, die das Individuum durch Erziehung und gesellschaftliche Normen verinnerlicht habe, im Gewissen niederschlagen. Er zog daraus den Schluss, dass die unbewusste Schuld sowohl das Verbrechen selbst motiviere als auch das Bedürfnis gefangen und bestraft zu werden (Natterson 1966, 255) und den damit verbundenen Wunsch, wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.

Mit seiner 1940 veröffentlichten Studie Masochism and Modern Man, einer seiner bedeutendsten Arbeiten, begann sich Reik zunehmend von der orthodoxen freudianischen Lehre zu distanzieren. Reik nahm an, dass dem Masochismus nicht ausschließlich eine perverse Triebentwicklung, sondern ebenso eine pathologische Ich-Entwicklung zugrunde liege. Die scheinbare Demut und Selbstverkleinerung der masochistischen Persönlichkeit sei nur die Fassade, hinter der sich Aggressionen und Machtstreben ebenso verbergen wie das omnipotente Gefühl durch ihr Märtyrertum über das Gegenüber triumphieren zu können. Der masochistische Charakter „herrsche“ durch seine „Schwäche“, was Reik unter der Formel „Sieg durch Niederlage“ auf den Punkt brachte (Reik 1977, zit. n. Rattner 1995, 211).

Den endgültigen Bruch mit Freud vollzog Reik 1945 mit seiner Arbeit Psychology of Sex Relations, in welcher er sich von der Freudschen Libidotheorie abwandte. Er unterschied nun zwischen Liebe und Sexualität und stellte das Primat der Sexualität für die Entwicklung des emotionalen und Seelenlebens in Abrede. Denn „neben den Sexualtrieben gäbe es auch „autochthone Triebe, die nicht aus Triebhaftigkeit entspringen und ihre eigenen Zielsetzungen haben“, die „vermutlich auch mächtiger als das Sexuelle“ sind (Rattner 1995, 213). Während nach Reik für die sexuelle Befriedigung keine Beziehung zum Objekt notwendig sei, beziehe sich die Liebe auf eine einzige, nicht austauschbare Person. Am Beginn einer Liebesbeziehung stehe jedoch das „Selbstwertstreben“, gesucht werde jenes Ich-Ideal, das der/die Betreffende bei sich selbst als ungenügend ansieht und beim Anderen zu finden glaubt. Dies erzeuge zwar zunächst Neid und Eifersucht, wenn diese Regungen jedoch überwunden sind, könne eine Liebesbeziehung entstehen (ebd., 215).

Mit seinen Arbeiten zur psychoanalytischen Technik – „Neue Wege der psychoanalytischen Technik“ (1933) und Listening with the Third Ear (1948) – lehnte Reik alle Systematisierungsversuche, wie sie etwa von Wilhelm Reich und Otto Fenichel entwickelt worden waren, ab. Reik gab der „künstlerischen“ Auffassung von Psychoanalyse den Vorzug gegenüber dem systematischen „wissenschaftlichen“ Ansatz. Die psychoanalytische Behandlung betrachtete er als Experiment, als ein Duett zwischen dem Unbewussten des/der Patienten/Patientin und des/der Analytikers/Analytikerin. Durch das empathische Verständnis des/der Analytikers/Analytikerin gegenüber den Problemen des/der Patienten/Patientin würden im Verlauf dieses unbewussten Spiels Erkenntnisse und Einsichten überraschend zu Tage treten (Natterson 1966, 257, 260).

Theodor Reik zählt mit seinem fast fünfzig Monografien umfassenden Werk zu einem der literarisch produktivsten Psychoanalytiker, dessen „psychologische Umsicht und Fachkenntnis (sich) mit literarischer Vielseitigkeit verbindet“ (Rattner 1995, 224) und der ein ebenso vielseitiges wie umstrittenes Werk hinterließ.

_Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

** Primärliteratur**

(1912), Über Tod und Sexualität. In: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 2, S. 477-478.

(1912), Flaubert und seine ‘Versuchung des heiligen Antonius’. Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie, Minden.

(1913), Arthur Schnitzler als Psycholog, Minden.

(1915-16), Die Pubertätsriten der Wilden. Über eine Übereinstimmung im Seelenleben der Wilden und Neurotiker. In: Imago 5/6, S. 125-144, S. 189-222.

(1923), Der eigene und der fremde Gott. Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung, Wien/Leipzig/Zürich.

(1925), Geständniszwang und Strafbedürfnis, Leipzig/Wien/Zürich.

(1927), Wie man Psychologe wird, Wien/Leipzig/Zürich.

(1932), Der unbekannte Mörder. Von der Tat zum Täter, Wien.

(1933), Neue Wege der psychoanalytischen Technik. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 14, S. 321-328.

(1935), Der überraschte Psychologe. Über Erraten und Verstehen unbewußter Vorgänge, Leiden.

(1941), Masochism in Modern Man, New York/Toronto.
dt.: (1977), Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft, Hamburg.

(1945), Psychology of Sex Relations, New York/Toronto.

(1948), Listening with the Third Ear. The Inner Experience of a Psychoanalyst, New York.
dt.: (1976), Hören mit dem dritten Ohr, Hamburg.

(1949), Fragment of a Great Confession: A Psychoanalytic Autobiography, New York.

(1957), Myth and Guilt, New York.

(1963), Das Verlangen, geliebt zu werden, München.

(1976), 30 Jahre mit Sigmund Freud. Mit bisher unveröffentlichten Briefen von Sigmund Freud, München.

Sekundärliteratur

Ahren, Yizhak/Melchers, Christoph, B. (1985), Theodor Reik und die Weiterentwicklung der Psychoanalyse. In: Zwischenschritte. Beiträge zu einer morphologischen Psychologie 4/2, S. 17-30.

Berlin, Jeffrey B./Lindken, Hans Ulrich (1983), Theodor Reiks unveröffentlichte Briefe an Arthur Schnitzler. In: Literatur und Kritik, April/Mai, S. 182-197.

Freeman, Erika (1971), Insights: Conversations with Theodor Reik, New Jersey.

Lindner, R. (Hrsg.), (1953), Explorations in Psychoanalysis. Essays in Honor of Theodor Reik, New York.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Natterson, Joseph M. (1966), Theodor Reik b. 1888. Masochism in Modern Man. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 249-264.

Rattner, Joseph (1995), Klassiker der Psychoanalyse, 2. Aufl., Weinheim.

Sherman, Murray H. (1971), Dr. Theodor Reik: A Life Devoted to Freud and Psychoanalysis. In: Psychoanalytic Review 57, S. 535.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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