The database of PADD contains letters, manuscripts and documents about the history of psychoanalysis and currently holds more than 8,000 entries. Certain documents are also available as digital scans.



Deutsch, Helene

Deutsch_helene1

Helene Deutsch wurde 1884 in Przemys´l als viertes Kind des angesehenen jüdischen Rechtsanwaltes Wilhelm Rosenbach und der wohlhabenden Kaufmannstochter Regina Leizor geboren. Deutsch besuchte eine Privatschule in ihrer Heimatstadt, ihrem Wunsch nach einer höheren Ausbildung standen ihre Eltern zunächst ablehnend gegenüber, bis sie dem Drängen der Tochter schließlich nachgaben. 1907 legte Helene Deutsch als Externistin mit Sondergenehmigung das Abitur ab. Durch ihre Begegnung mit dem bekannten Sozialdemokraten Hermann Liebermann begann sich Deutsch politisch zu engagieren und gründete 1905 die erste Arbeiterinnen-Organisation in Przemys´l.

Da Frauen zu dieser Zeit das Studium an der Juridischen Fakultät der Universität Wien verwehrt wurde, musste Deutsch ihren ursprünglichen Wunsch nach einer juristischen Laufbahn aufgeben und begann 1907 als eine der ersten Frauen mit dem Studium der Medizin, das sie 1912 abschloss. Im selben Jahr heiratete sie den Internisten Felix Deutsch. Durch ihren Kommilitonen Josef Reinhold, einem Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV), wurde sie auf die Schriften Sigmund Freuds aufmerksam, dessen Vorlesungen an der Universität sie besuchte. 1912 bis 1918 absolvierte Deutsch als unbezahlte Assistenzärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik unter Julius Wagner-Jauregg ihre psychiatrische Facharztausbildung. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde sie zur Leiterin der psychiatrischen Frauenklinik bestellt, musste ihren Posten nach Ende des Krieges jedoch aufgeben, da „Frauen offiziell keinen Anspruch auf führende Positionen“ hatten (Mühlleitner 1992, 75).

1918 begann sie bei Freud eine Lehranalyse und wurde im selben Jahr in die WPV aufgenommen. Ab 1924 arbeitete Deutsch intensiv am Aufbau und der Organisation des Lehrinstituts der Wiener Vereinigung mit, dessen Vorsitz sie ab 1925 bis zu ihrer Emigration inne hatte. 1932 übernahm sie auch die Leitung des „Technischen Seminars“ der WPV. Nach der Machtübernahme des austrofaschistischen Dollfuß-Regimes entschloss sich Helene Deutsch 1934 zur Emigration in die Vereinigten Staaten, wo sie sich in Boston niederließ. Sie wurde als Lehranalytikerin in das Boston Psychoanalytic Institute aufgenommen, eröffnete eine psychoanalytische Praxis und arbeitete am Massachusetts General Hospital. Helene Deutsch starb am 29. April 1982 98-jährig in Cambridge/Massachusetts.

Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Werks von Helene Deutsch steht die Erforschung der weiblichen Psychologie, über die sie ab 1925 zahlreiche Arbeiten veröffentlichte. 1944/45 erschien mit der 800 Seiten umfassenden zweibändigen Studie über die Psychologie der Frau ihr Hauptwerk. Helene Deutsch gilt als orthodoxe Psychoanalytikerin, die in ihren Arbeiten über die Psyche der Frau weitgehend Freuds Theorie der Weiblichkeit verhaftet blieb. Ein „latentes Spannungsverhältnis zwischen fast bedingungsloser Rezeptionsbereitschaft und Widerspruch gegenüber dem Weiblichkeitsentwurf von Sigmund Freud“ erkennt Christa Rohde-Dachser (1991, 76) in ihrem Werk. Deutsch entwarf keine eigenständigen Vorstellungen über die weibliche Psyche, sondern übernahm – abgesehen von kleinen Modifikationen – Freuds patriarchales „Defizitmodell der Weiblichkeit“ (ebd., 84).

Analog zu Freuds Theorie verlaufen für Deutsch die ersten beiden psychosexuellen Entwicklungsphasen (orale und anale Phase) bei Mädchen und Jungen gleich. Erst in der Pubertät bedingen die andersartigen biologischen und psychischen Voraussetzungen eine unterschiedliche Entwicklung. So entdeckt das Mädchen während der phallischen Phase, dass es keinen Penis besitzt. Die Klitoris wird als insuffizient, als ungeeignet für die Triebabfuhr empfunden und als nicht konkurrenzfähig mit dem männlichen Organ. Das Mädchen reagiert auf dieses „Genitaltrauma“ mit dem Penisneid, das seine weitere Entwicklung entscheidend bestimmt. Denn dieses Genitaltrauma führt in der Folge zu einer Hemmung der Aktivität des Mädchens und zu einem „Passivitätsschub“, den Deutsch für das Gelingen der weiblichen Entwicklung als unentbehrlich ansieht. Nicht ihre soziale Position innerhalb der patriarchalen Gesellschaft sondern ihre naturgegebene anatomisch bedingte Unvollständigkeit bedingt die passive Rolle der Frau und die Ungleichheit der Geschlechter.

Erst nach Einsetzen der Menstruation wird das Interesse des Mädchens für das eigene Sexualorgan geweckt. Im Sexualakt erkennt Deutsch den ersten Akt der Mutterschaft, durch welche die Frau für ihre Passivität ausreichend entschädigt wird. Im Unterschied zu Freud kann Deutsch die Vorstellung eines autonomen weiblichen Lustempfindens entwickeln, wenn diese auch negativ konnotiert ist (ebd., 86). So unterscheidet sie zwischen dem mütterlichen Orgasmus und dem „bösartigen“ (antimütterlichen) Orgasmus, der ausschließlich auf die weibliche Lustbefriedigung abzielt. In ihrer Theorie der weiblichen Sexualität speist sich die Liebe der Frau zum Mann aus der Liebe zum Vater und zum Sohn, wobei sie in Letzterem jenes Ich-Ideal wieder findet, das der Vater einst für sie verkörperte. Der Weiblichkeitsentwurf von Helene Deutsch ist somit die „töchterliche Existenz, bei der die Tochter mit dem Vater durch eine intensive idealisierende Beziehung verbunden ist“ (ebd., 81), der Frau ausschließlich eine Tochter- und Mutterrolle zukommt.

Nur aus der Bejahung ihrer naturgegebenen Passivität kann „die Frau weibliche Eigenschaften (gewinnen), daraus erwachsen Gefühlsreichtum, Intuition, Phantasie und große Identifizierungsbereitschaft“ (Rattner 1995, 260). Jedoch interpretiert Deutsch die naturgegebene Passivität der Frau insofern als positiv, als sie darin eine nach innen gerichtete Aktivität erkennt, welche die Frau zu größerer intuitiver Erfahrung befähige. Lehne eine Frau ihre passive Rolle ab, so leide sie Deutsch zufolge unter einem „Männlichkeitskomplex“, der durch ihre neurotische Angst vor Weiblichkeit ausgelöst wurde. Weiters laufen Frauen, die sich statt auf ihre Intuition auf ihren Intellekt konzentrieren, Gefahr, ihre Weiblichkeit einzubüßen. Das Wesensmerkmal der Frau definiert sie primär als masochistisch. Der Lebensentwurf der Frau habe sich auf ihre identifikatorische Teilhabe am Leben des Mannes (Vaters, Sohnes) zu richten, eine autonome und unabhängige weibliche Selbstdefinition hat in ihrer Theorie keinen Platz. Ihr Blick auf die „Psychologie der Frau“ ist somit „ein v. a. männlichen Blick“ (Rohde-Dachser 1991, 80), der die Frau mit männlichen Wertmaßstäben misst.

_Christiane Rothländer
_

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Eine Verzeichnis der Arbeiten von Helene Deutsch findet sich bei Roazen (1989), S. 362-365.

*Primärliteratur *

(1922), Über die pathologische Lüge. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 8, S. 153-157.

(1924), Psychologie des Weibes in den Funktionen der Fortpflanzung. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 11, S. 40-53.

(1925), Zur Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, Wien.

(1930), Psychoanalyse der Neurosen. Elf Vorlesungen, gehalten am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Wien.

(1932), Über die weibliche Homosexualität. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 18, S. 219-241.

(1933), Über die Weiblichkeit. In: Imago 19, S. 518-528.

(1944-1945), The Psychology of Women. A Psychoanalytic Interpretation, 2 Vols., New York
dt.: (1948/1954), Psychologie der Frau, 2 Bde., Bern/Stuttgart.

(1965), Neuroses and Character Types: Clinical psychoanalytic studies, New York.

(1967), Selected Problems of Adolescence: With Special Emphasis on Group Formation, New York (= Monograph Series of the Psychoanalytic Study of the Child; 3).

(1973), Confrontation With Myself, New York.
dt.: (1975), Selbstkonfrontation, München.

Sekundärliteratur

Briehl, Marie H. (1966), Helene Deutsch b. 1884. The Maturation of Woman. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 282-298.

Buchinger, Erwin (1988), Beiträge zur Biographie von Helene Deutsch. In: Forum der Psychoanalyse 4, S. 60-75.

Gifford, Sandford (1983), Obituary Helene Deutsch 1884-1982. In: Psychoanalytic Quarterly 2, S. 427.

Kris, Ernst (1955), To Helene Deutsch on her Seventieth Birthday. In: International Journal of Psychoanalysis 36, p. 427.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Rattner, Joseph (1995), Klassiker der Psychoanalyse, 2. Aufl., Weinheim.

Roazen, Paul (1989), Freuds Liebling Helene Deutsch. Das Leben einer Psychoanalytikerin, München/Wien.

Rohde-Dachser, Christa (1991), Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse, Berlin et.al.

Sayers, Janet (1991), Mothers of Psychoanalysis, New York/London.

Sterba, Richard (1985), Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers, Frankfurt a.M.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

Logo_padd_high_130x90

Sigmund Freud Privatstiftung
Berggasse 19
1090 Wien

archiv@freud-museum.at

T: +43-1- 319 15 96-19
F: +43-1- 317 02 79