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Reich, Wilhelm

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Wilhelm Reich kam 1897 in Dobrzanica/Galizien als Sohn des wohlhabenden jüdischen Gutsbesitzers Leon Reich und seiner Frau Cecilia (geb. Roniger) zur Welt. Er absolvierte das deutsche Gymnasium in Czernowitz, wurde unmittelbar nach Ablegung der Matura 1915 zur k.u.k. Armee eingezogen und diente als Offizier an der italienischen Front. Nach dem frühen Tod seiner Eltern – seine Mutter hatte 1909 Selbstmord begangen, sein Vater starb 1918 – ließ er sich nach Kriegsende völlig mittellos in Wien nieder. Er begann an der Universität Wien mit dem Studium der Medizin und kam durch seinen Kommilitonen Otto Fenichel in Kontakt mit der bürgerlich-intellektuellen Wiener Jugendbewegung, die stark von Freuds Theorien beeinflusst war. 1920 nahm er erstmals an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) teil und wurde noch im selben Jahr als Mitglied aufgenommen. Ende 1921 schlug er die Gründung eines „Technischen Seminars“ vor, einem Ausbildungsseminar für den psychoanalytischen Nachwuchs, das er von 1924 bis 1930 leitete, und gehörte ab 1925 dem Lehrinstitut der WPV an. Nach der Promotion absolvierte er ab 1922 eine Facharztausbildung an der Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik bei Paul Schilder und Julius Wagner-Jauregg und unterzog sich einer Lehranalyse bei Isidor Sadger und Paul Federn. Weiters arbeitete er zunächst als erster Assistent im 1922 gegründeten Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose, später als dessen stellvertretender Leiter.

1927 trat Reich der Sozialdemokratischen Partei bei, aus der er 1929 ausgeschlossen wurde, nachdem er versucht hatte, die sozialdemokratische Arbeiterschaft zu radikalisieren. Er wurde daraufhin Mitglied der KPÖ. 1928 gründete er gemeinsam mit der Ärztin Marie Frischauf die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung für Arbeiter und Angestellte und schuf damit die "erste Form sexualpolitischer Tätigkeit auf psychoanalytischer Grundlage" (Fallend 1988, 115). 1930 übersiedelte Reich nach Berlin, wo er hoffte, seine gesellschaftspolitischen Ideen innerhalb der KPD umsetzen zu können. Er trat der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung bei, eröffnete eine Privatpraxis und gehörte dem Lehrkörper des Berliner Psychoanalytischen Instituts an. Er gründete den Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, der zunächst von der KPD-Führung begrüßt wurde, aufgrund von Reichs radikalem Einsatz für die Sexualaufklärung von Kindern und Jugendlichen jedoch bald auf Kritik stieß. Nach Hitlers Machtübernahme flüchtete er nach Wien, wo ihm die WPV-Führung aufgrund seiner politischen und wissenschaftlichen Ansichten mit Ablehnung begegnete. Reich übersiedelte daraufhin nach Kopenhagen und begann mit dem Aufbau der skandinavischen Sexpol-Bewegung. 1933 wurde er nach Veröffentlichung seiner Arbeit über die Massenpsychologie des Faschismus aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Nachdem die dänischen Behörden seine Aufenthaltsbewilligung nicht mehr verlängert hatten, zog Reich ins schwedische Malmö. Im Sommer 1934 wurde er auf dem Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) in Luzern aus der IPV ausgeschlossen. Als ihm auch in Malmö die Aufenthaltserlaubnis verwehrt wurde, übersiedelte er im Herbst 1934 nach Oslo, wo er das Institut für Sexualökonomische Lebensforschung gründete. 1939 flüchtete Reich in die USA, wo er an der New School for Social Research in New York einen Lehrauftrag erhielt, seine in Skandinavien begonnenen biologischen Forschungen fortführte und eine Privatpraxis unterhielt. 1950 ließ er sich in Maine nieder und gründete in Rangeley ein Forschungszentrum. 1954 wurde Reich von der amerikanischen Gesundheitsbehörde wegen Quacksalberei angezeigt und wegen Missachtung des Gerichts zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wilhelm Reich starb 1957 im Gefängnis Lewisburg an einem Herzinfarkt.

Reichs psychoanalytisches Interesse galt von Beginn an der Sexualität und der Ausarbeitung seiner Orgasmuslehre. Die konsequente Entwicklung von der bisherigen Symptomtherapie zur Charakteranalyse und die Systematisierung der psychoanalytischen Behandlungstechnik wurden weitere Schwerpunkte seiner psychoanalytischen Arbeit. 1927 legte er mit seiner Studie über Die Funktion des Orgasmus die erste zusammenfassende Darstellung seiner Orgasmustheorie vor, die zur Grundlage aller folgenden Arbeiten werden sollte. Darin stellte er die These auf, dass ausnahmslos alle Patienten und Patientinnen unter genitalen Störungen litten und zu einer vollen orgastischen Befriedigung nicht fähig seien. Er arbeitete die qualitativen Unterschiede zwischen gesunder und gestörter Orgasmusfähigkeit heraus und erhob die „orgastische Potenz“ zum Kriterium der Heilung. Den sexuellen Lustprozess betrachtete er als den Lebensprozess schlechthin. Freud stand Reichs Ausführungen zurückhaltend gegenüber, fand aber auch wohlwollende Worte, während er bei der Mehrzahl seiner Kollegen und Kolleginnen auf Ambivalenz bzw. Ablehnung stieß.

Zu einem weiteren Leitgedanken seiner Forschungen wurde die Neurosenprophylaxe. Da er glaubte, dass die Psychoanalyse als Individualtherapie der massenhaften Verbreitung neurotischer Erkrankungen wenig entgegenzusetzen habe, forderte er, dass durch Erziehung und Beratung vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden müssten. "Die seelischen Krankheiten als soziales Problem" (Reich 1931) rückten zunehmend in den Mittelpunkt seines Interesses. Ab Ende der 1920er-Jahre versuchte er Psychoanalyse und marxistische Theorie zu verbinden. Da sich nach Reich die triebunterdrückenden bürgerlichen Herrschaftsstrukturen im sexuellen Verhalten der Individuen widerspiegeln und zu seelischen, insbesondere sexuellen Störungen führen, könnten diese erst nach der bolschewistischen Revolution und der Errichtung einer revolutionären Sozialordnung geheilt werden. Den Kampf gegen repressive Sexualerziehung definierte er somit als politischen Kampf.

1933 veröffentlichte Reich mit seiner Studie Charakteranalyse sein wohl bedeutendstes psychoanalytisches Werk. Darin versuchte er, Erklärungsansätze für die in psychoanalytischen Behandlungen häufig auftretenden negativen therapeutischen Reaktionen und Behandlungsstillstände zu liefern. Der Widerstand der Patienten und Patientinnen sollte nach Reich immer zuerst analysiert und auch in scheinbar positiv verlaufenden Behandlungen aufgedeckt werden. Dabei bezog er in seine Widerstandsanalyse nicht nur die verbalen Äußerungen sondern auch das nonverbale Verhalten seiner Patienten und Patientinnen mit ein. Erst nach Bearbeitung der Charakterwiderstände und der Befreiung der in ihnen gebundenen Liebesfähigkeit und Hassgefühle könne der „Charakterpanzer“ gelöst und das Unbewusste analysiert werden. Laut Reich entwickelt das Individuum aufgrund der Triebverdrängung während der Kindheit als Selbstschutz und zur Stärkung des Ichs einen Charakterpanzer, durch den die Verdrängung gemildert und das Ich gestärkt werden kann. Gleichzeitig büßt das Individuum jedoch seine Lebendigkeit und Arbeitsfähigkeit ein und kann notwendige Entwicklungsstadien nicht durchlaufen. Die allzu starre Panzerung führt in der Folge zu Vermeidungstendenzen, Ängstlichkeit und Frustration. In seinem Schlusskapitel über den masochistischen Charakter wies er die Freudsche Todestriebtheorie zurück und glaubte im Todestrieb, den Ausdruck des neurotischen, sexualgestörten Charakters zu erkennen. Denn nach Reich ist der Kulturmensch an seiner Oberfläche von einer Fassade anerzogener künstlicher Freundlichkeit umgeben, unter der sich eine weitere Schicht befindet, die dem Freudschen Unbewussten entspricht und in der sich die verdrängten Hassgefühle befinden. Kann in der Analyse diese Schicht analysiert werden, zeigt sich schließlich eine dritte Schicht, die Reich den „biologischen Kern“ nannte, in der Libido, Arbeitsfreude und die natürliche Sozialität des Menschen ihren Platz haben.

Mit seiner 1933 publizierten Studie über die Massenpsychologie des Faschismus, Reichs bedeutendster gesellschafts-politischer Arbeit, versuchte er, die ausschlaggebenden Gründe für das Scheitern der revolutionären Arbeiterbewegung und die Machtergreifung des Faschismus in Deutschland zu analysieren. Die Arbeiterbewegung habe das Auseinanderklaffen, die „Schere“, zwischen ökonomischer Basis und der Ideologie der Menschen nicht erkannt und den „subjektiven Faktor“, die psychische Struktur der Menschen, vernachlässigt. Er versuchte das massenpsychologische Phänomen des Faschismus zu analysieren und rückte dabei die Frage nach der Ideologie der Masse und dem autoritären Charakter in den Mittelpunkt der Untersuchung. Die repressive bürgerliche Erziehung ziele nach Reich darauf ab, autoritätsfürchtige Individuen heranzuzüchten, die sich später einem autoritären Führer als Stellvertreter des Vaters unterwerfen.

Ab Mitte der 1930er-Jahre begann Reich mit der Ausarbeitung seiner „Vegetotherapie“, bezog den Körper nun direkt in die therapeutische Arbeit ein und legte damit den Grundstein für die Entwicklung der Körperpsychotherapie. Reichs Ansatz beruhte auf der Annahme, dass psychische Probleme auf den Körper einwirken, wodurch ein sog. „Körperpanzer“ entstehe. Die durch verdrängte Affekte und Triebregungen verursachten Verspannungen der Muskeln und Organe beeinträchtigen die körperliche Funktionsfähigkeit und führen schließlich zu dauerhaften Folgeschäden. Durch Lockerungsübungen, Massagen und Atemübungen können der Panzer beseitigt und verdrängte Erinnerungen bewusst gemacht werden. Er überschritt damit die von Freud aufgestellte Abstinenzregel und ging zunehmend dazu über, die psychoanalytische talking-cure durch körperliche Interventionen zu ersetzen.

Ab 1935 versuchte Reich, mittels der bio-elektrischen Experimente über Sexualität und Angst seine Orgasmustheorie in quantifizierbarer Form nachzuweisen und der Psychoanalyse ein biologisches Fundament zu geben. In seinen späteren Arbeiten beschäftigte er sich v.a. mit der „Bionforschung“. Er glaubte, bisher unbekannte biologische Bläschen entdeckt zu haben, die aus dem Zerfall jeder Art von organischer und anorganischer Materie entstehen. Diese Bion- oder Orgonenergie sei in allen Tieren und Pflanzen vorhanden und unterscheide sich von anderen Energieformen wie etwa elektromagnetischen Wellen oder elektrischem Storm. Er glaubte, dass die Atmosphäre von einer Lebensenergie (Bionenergie) durchdrungen sei, die therapeutisch genützt und gezielt eingesetzt werden könne. Dazu entwickelte er ab 1940 den sog. „Orgonakkumulator“, einen aus mehreren Schichten Holz, Metall und Isoliermaterial bestehenden Kasten, durch den die Orgonenergie gespeichert werden könne und mit dem sowohl psychische als auch körperliche Krankheiten, wie etwa Krebs, geheilt werden können. Mit der Entwicklung des sog. „Cloudbusters“ versuchte er schließlich, in der Wüste Regen zu erzeugen. In seinen letzten Lebensjahren begann sich Reich mit außerirdischen Lebewesen zu beschäftigten, von deren Flugobjekten er sich zunehmend verfolgt fühlte. Seine immer skurriler werdenden Experimente riefen die amerikanischen Behörden auf den Plan, die seine Arbeiten schließlich verboten, die Vernichtung der Orgonakkumulatoren anordneten und seine Schriften verbrannten.

_Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1925), Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische Studie zur Pathologie des Ich, Wien.

(1927), Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens, Wien.

(1927), Zur Technik der Deutung und der Widerstandsanalyse. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 13, S. 141-159.

(1929), Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. In: Unter dem Banner des Marxismus, wiederabgedr. in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.) (1970), Psychoanalyse und Marxismus. Dokumentation einer Kontroverse, Frankfurt a.M., S. 137-188.

(1929), Die Stellung der Psychoanalyse in der Sowjetunion. Notizen von einer Studienreise in Rußland. In: Die Psychoanalytische Bewegung 1, S. 358-368.

(1930), Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral, Wien.
(1936), 2. veränd. Aufl. unter dem Titel „Die Sexualität im Kulturkampf“, Kopenhagen.
(1971) veränd. Neuausg. unter dem Titel „Die sexuelle Revolution. Zur charakterlichen Steuerung des Menschen, Frankfurt a.M.

(1931), Die seelischen Erkrankungen als soziales Problem. In: Der sozialistische Arzt 7, S. 111-115, S. 161-165.

(1932), Der sexuelle Kampf der Jugend, Berlin.

(1932), Der Einbruch der Sexualmoral. Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie, Wien.
(1971), veränd. Neuausg. unter dem Titel Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Köln.

(1933), Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, Wien.

(1933), Die Massenpsychologie des Faschismus, Kopenhagen.

(1934), Was ist Klassenbewußtsein? Zur Neuformierung der Arbeiterbewegung, Kopenhagen (unter dem Pseudonym Ernst Parell), Kopenhagen.

(1937), Experimentelle Ergebnisse über die bioelektrische Funktion von Sexualität und Angst, Kopenhagen.

(1942), The Function of the Orgasm. The Discovery of the Orgone, Vol. I, New York.
dt.: (1969), Die Entdeckung des Orgons. Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Köln.

(1948), Listen little Man, New York.
dt.: (1984), Rede an den kleinen Mann, Frankfurt a.M.

(1948), The Discovery of the Orgone, Vol. II: The Cancer Biopathy, New York.
_dt.: _(1976), Der Krebs. Die Entdeckung des Orgons II, Frankfurt a.M.

(1951), The Orgone Energy Accumulator. Its Scientific and Medical Use, Rangeley.

(1953), The Emotional Plague of Mankind, Vol. I: The Murder of Christ, Rangeley.
dt.: (1982), Christusmord, Frankfurt a.M.

(1953), The Emotional Plague of Mankind, Vol. II: People in Trouble, Rangeley.
dt.: (1995), Menschen im Staat, verb. Neuaufl., Basel/Frankfurt a.M.

(1967), Reich speaks about Freud. Wilhelm Reich discusses his work and his relationship with Sigmund Freud, ed. by Higgins, Mary Boyd/Raphael, Chester M., New York.

Werkausgaben
(1920-27), Frühe Schriften, 2 Bde., Frankfurt a.M., 1985.

(1961), Ausgewählte Schriften. Eine Einführung in die Orgonomie, hrsg. v. Mary Boyd Higgins, Köln.

(1995-2001), Späte Schriften, 6 Bde., Frankfurt a.M.

Briefausgabe
(1989), Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A.S. Neill 1936-1957, hrsg. und eingel. von Beverley R. Placzek, Frankfurt a.M.

Sekundärliteratur

Boadella, David (1983), Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie, Frankfurt a.M.

Dahmer, Helmut (1972), Wilhelm Reich. Seine Stellung zu Freud und Marx, in: Hans-Peter Gente (Hrsg.), Marxismus, Psychoanalyse, Sexpol, Bd. 2, Frankfurt a.M., S. 80-115.

Dahmer, Helmut (1982), Libido und Gesellschaft. Studien über Freud und die Freudsche Linke, Frankfurt a.M.

Fallend, Karl (1988), Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik, Wien/Salzburg.

Fallend, Karl/Bernd Nitzschke (Hrsg.) (1998), Der „Fall“ Wilhelm Reich, Frankfurt a.M.

Lassek, Heiko (Hrsg.) (1997), Lebensenergie-Forschung. Die Orgontherapie Wilhelm Reichs und ihre Weiterentwicklung zu einer energetisch orientierten Medizin, mit Beiträgen von Günter Hebenstreit, Heiko Lassek und Wolfgang Runge, Berlin.

Ollendorff-Reich, Ilse (1975), Wilhelm Reich, München.

Raknes, Ola (1973), Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt a.M.

Rycroft, Charles (1972), Wilhelm Reich, München.

Sharaf, Myron (1994), Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen, Berlin.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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