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Storfer, Adolf Josef

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Adolf Josef Storfer wurde 1888 als Sohn des wohlhabendes jüdischen Holzhändlers Carl Storfer in der Bukowina geboren. Seine Mutter entstammte einer Czernowitzer Bankiersfamilie, die ihre Familie verließ, um eine Beziehung zu einem Husarenoffizier einzugehen und 1893 verstarb. Storfers Zuhause wurden fortan die Kaffeehäuser, in denen sein Vater seine Geschäfte abwickelte. Er besuchte das Gymnasium in Klausenburg, war ein Mitschüler von Bela Kun und gab als Schüler eine sozialistische Wochenschrift heraus. Nach der Matura studierte er zunächst Philosophie, Psychologie und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Klausenburg bis er an die Juridische Fakultät der Universität Wien wechselte. 1908 setzte er sein Jusstudium an der Universität Zürich fort. Nach einer suizidalen Krise wurde er im Sommer 1909 in die psychiatrische Klinik Burghölzli aufgenommen, gab nach seiner Entlassung sein Studium auf und begann als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung und die Züricher Post zu arbeiten. In der Schweiz wurde er auf Freuds Arbeiten aufmerksam, zu dem er 1910 Kontakt aufnahm. Im selben Jahr entstand seine erste psychoanalytische Arbeit „Zur Sonderstellung des Vatermordes“.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Storfer freiwillig zur k.u.k. Armee. 1916 wurde er durch eine Schussverletzung an der linken Hand schwer verletzt. Nach Kriegsende ließ er sich zunächst in Budapest nieder, wo er in die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung eintrat. Nach der Niederschlagung der Räterepublik flüchtete er nach Wien und arbeitete neuerlich für die Frankfurter Zeitung, von der er sich aufgrund politischer Differenzen jedoch bald trennte. In Wien führte er das Leben eines Bohemiens, verkehrte in den literarischen Zirkeln der Wiener Caféhäuser und war u.a. mit Musil, Broch und Polgar befreundet.

Bei Freud unterzog er sich einer psychoanalytischen Behandlung, nahm an den Sitzungen der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft teil und wurde 1919 als ordentliches Mitglied in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) aufgenommen. Obwohl Storfer nie als Psychoanalytiker praktizierte, hielt er doch fallweise Kurse am Psychoanalytischen Lehrinstitut ab. Innerhalb der WPV blieb er ein Außenseiter und pflegte nur mit wenigen Mitgliedern der Vereinigung engeren Kontakt, wie etwa mit Paul Federn, Siegfried Bernfeld oder Richard und Editha Sterba. Ab Sommer 1921 arbeitete er zunächst als Assistent von Otto Rank im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, dessen Geschäftsführung er von 1925 bis 1932 übernahm. Storfer „war nie nur Verlagsleiter, sondern vielmehr Redakteur, Schriftsteller, Kritiker und scharfzüngiger Protagonist psychoanalytischer Deutungen im Politischen, genauso wie er ein subtiler Verfechter angewandter Psychoanalyse in den Literatur-, Gesellschafts- und Religionswissenschaften war“ (Scholz-Strasser 1995, 70). Unter seiner Leitung entfaltete der Verlag „durch seinen außerordentlichen Ideenreichtum und seine schöpferische Tätigkeit“ (Reichmayr 1994, 166) ein breit gestreutes, vielseitiges Programmspektrum. So gründete Storfer drei neue Zeitschriften – den Almanach für Psychoanalyse, Die Psychoanalytische Bewegung und die von ihm finanzierte_ Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik._ Trotzdem befand sich der Verlag aufgrund der Weltwirtschaftskrise sowie Storfers mangelnden kaufmännischen Fähigkeiten in einer permanenten finanziellen Krise und stand immer wieder kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin. Dieser Umstand sowie Storfers oftmalige eigenmächtige Entscheidungen führten zu zahlreichen Konflikten mit seinen psychoanalytischen Kollegen und Kolleginnen, gegen die Freud ihn lange Zeit beharrlich verteidigte. Von 1924 bis 1928 gab Storfer gemeinsam mit Otto Rank und Anna Freud die Gesammelten Schriften Freuds heraus, deren erste elf Bände er wesentlich mitgestaltete. 1932 verließ Storfer schließlich den Verlag und begann sich bis 1938 seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. 1938 änderte er seinen Vornamen von Adolf in Albert. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme gelang Storfer Ende 1938 die Flucht nach Shangai. Dort gab er die von ihm finanzierte Monatsschrift Gelbe Post heraus. 1941 flüchtete er vor der japanischen Armee nach Melbourne, wo er als Hilfsarbeiter in einem Sägewerk arbeitete. A.J. Storfer starb 1944 in einem Melbourner Krankenhaus im Alter von 56 Jahren.

Storfers Werk ist geprägt von seiner immensen Sprachbegabung. So bezeichnete ihn sein Freund, der Verleger und Journalist Josef Kalmer, als einen der „letzten Polyhistoren Wiens“ (Kalmer 1946, 10). Storfer beherrschte bereits als Schüler neben seiner ungarischen Muttersprache fließend Deutsch, Russisch und Französisch. Sein sprachwissenschaftliches Interesse wird auch in seiner ersten psychoanalytischen Studie „Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtliche und völkerpsychologische Studie“ deutlich, worin er die Entstehung und Bedeutung des Wortes „paricidium“, mit dem das älteste überlieferte römische Gesetz jeden Mord als Vatermord bestraft, analysierte. Ab Mitte der 1920er-Jahre begann er mit ersten Arbeiten zu einem Wörterbuch der Psychoanalyse, gab dieses Vorhaben jedoch beim Buchstaben A wieder auf. Richard Sterba führte das Unternehmen später bis zum Buchstaben G weiter. 1935 und 1937 entstanden mit Wörter und ihre Schicksale sowie Im Dickicht der Sprache Storfers Hauptwerke, die ein solcher Publikumserfolg wurden, wie es noch keinem Sprachforscher zuvor beschieden gewesen war und dies obwohl der erste Band im nationalsozialistischen Deutschland erschien (ebd., 10). Seine dritte sprachpsychologische Arbeit, die den Titel „Von A bis Z“ tragen sollte und in der sich Storfer mit der Etymologie von Vornamen beschäftigte, wurde während seiner Flucht von den Nazis beschlagnahmt.

Nach Joachim Danckwardt gelingt es Storfer „didaktisch ungemein geschickt“ seine Leser/Leserinnen „an Hand von Herkunft und Wandel“ von Wörtern „in die Sprachwelt als Gegenbesetzungswelt und Konstituens für die Verdrängung, in das ‚Unbewusste’, die ‚Witzarbeit’, ‚Kontamination’ oder den ‚synonymbildenden Trieb der Volkssprachen’, in die ‚Sublimierung’ und die (Bedeutungs-)’Übertragung’“ einzuführen (Danckwardt 2000, 20). Neben sprach-, kultur- und völkerpsychologischen Vignetten bedient er sich auch der Tiefenpsychologie sowie psychoanalytischer Deutungen und macht die Leser und Leserinnen zugleich mit der Freudschen Lehre, ihren Begriffen und dem psychoanalytischen Denken bekannt. Storfer beleuchtet die Sprachentstehung „nicht mehr nur synchron“, sondern erzählt auch „kultur-, sitten- und ideologiegeschichtliche Episoden“, zeigt sowohl die geschichtliche Entwicklung von Sprache und Bedeutungserklärungen auf als auch die Prozesse, die zu Sprach-, Inhalts- und Bedeutungsänderungen führen und welche Mechanismen der Wortentstehung zugrunde liegen. Der „Arbeits- und grenzüberschreitenden Handelswelt“ kommt dabei eine „zentrale Rolle“ zu (ebd., 13). Als erster analysierte er „die Wortschöpfungen (...) aus den Lebenslagen der alten und neuen Unterdrückungswelten, die zunächst zu Umwälzungen, Unruhen und Kriegen, dann zu Fluchten und Grenzüberschreitungen, zu Sprachwanderungen und Sprachoktroyaten, zu Sprachverschmelzungen und zu ‚schöpferischem und phantasievollem Umgang gebildeter Schichten und Sprache’ Anlass gaben“. Sein „Leitgedanke ist dabei immer, die Brücke von der Sprache zum Menschen zu schlagen, der sie schafft“, so einer seiner Rezipienten (ebd., 13). Storfer liefert mit seinen Studien somit „eindrucksvolle Dokumente der Zeitgeschichte und ihrer Richtigstellung“ (ebd., 13).

Im chinesischen Exil gab Storfer 1939 die Zeitschrift Gelbe Post. Ostasiatische Halbmonatsschrift heraus, die er auch als Schriftleiter betreute. Die Zeitschrift sollte den Flüchtlingen helfen, eine Brücke zur Kultur und Mentalität ihres Zufluchtslandes zu schlagen. Dementsprechend breit war das Themenspektrum, das neben sprachwissenschaftlichen und psychoanalytischen Aufsätzen v.a. mentalitätsgeschichtliche Beiträge über die ostasiatische Kultur umfasste. Insgesamt erschienen bis November 1939 sieben Ausgaben, dann wurde die Zeitschrift wegen Storfers gesundheitlichen und finanziellen Problemen eingestellt. Aufgrund ihrer hohen journalistischen Qualität und ihres wissenschaftlichen und literarischen Niveaus nahm die Gelbe Post eine Sonderstellung innerhalb der deutschsprachigen Presse in China ein.

_Christiane Rothländer
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Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1911), Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtliche und völkerpsychologische Studie. In: Schriften zur angewandten Seelenkunde 12, Leipzig/Wien, wiederabgedr. in: Luzifer-Amor 4 (1989), S. 156-177.

(1912), Jungfrau und Dirne. In: Zentralblatt für Psychoanalyse 2, S. 200-204.

(1914), Marias jungfräuliche Mutterschaft. Ein völkerpsychologisches Fragment über Sexualsymbolik, Berlin.

(1929), Askese und Sadomasochismus. In: Die Psychoanalytische Bewegung 2, S. 385-393.

(1935), Wörter und ihre Schicksale, Berlin/Zürich; Neuaufl. (2000), Berlin.

(1937), Im Dickicht der Sprache, Wien; Neuaufl. (2000), Berlin.

(1939), Gelbe Post. Ostasiatische Monatsschrift, hrsg. und red. betr. von A.J. Storfer, H. 1-7, Shangai; Reprint (1999), Wien.Sekundärliteratur

Danckwardt, Joachim F. (2000), A. J. Storfer (1888-1944). “Räuberhauptmann” und “Bohemien” oder verkannter psychoanalytischer Sprach- und Kulturforscher? In: A.J. Storfer, Wörter und ihre Schicksale, Berlin, S. 11-23.

Dubrovic, Milan (1985), Veruntreute Geschichte, Wien/Hamburg.

Kalmer, Josef (1946), Storfer und die Wiener Sprache. In: China Daily Tribune, 23. April 1946, wiederabgedr. in: A.J. Storfer (2000), Im Dickicht der Sprache, Berlin, S. 7-11.

Kreissler, Françoise (1992), A. J. Storfer: Ein Wiener Intellektueller in Shangai. In: Muhr, Peter/Feyerabend, Paul/Wegeler, Cornelia (Hrsg.), Philosophie, Psychoanalyse, Emigration. Festschrift für Kurt Rudolf Fischer zum 70. Geburtstag, Wien, S. 180-193.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Polgar, Alfred (1944), A.J. Storfer, wiederabgedr. in: A. J. Storfer (2000), Wörter und ihre Schicksale, Berlin, S. 9f.

Reichmayr, Johannes (1994), Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse, Frankfurt a.M.

Rosdy, Paul (1999), Adolf Josef Storfer. Shangai und die Gelbe Post. Dokumentation zum Reprint der Gelben Post, Wien.

Scholz-Strasser, Inge (1995), Adolf Joseph Storfer: Journalist, Redakteur, Direktor des Internationalen Psychoanalytischen Verlags 1925-1932. In: Sigmund Freud-Museum (Hrsg.), Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1919-1938. Katalog zur Ausstellung vom 13. Juni bis 15. November 1995, Wien, S. 57-74.

Wittels, Fritz (1945), In Memoriam Albert Joseph Storfer. In: Psychoanalytic Quarterly 14, pp. 234f.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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