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Alexander, Franz

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Franz Alexander wurde 1891 als Sohn eines Philosophieprofessors in Budapest geboren. Nach der Matura begann er an der Universität Göttingen mit dem Studium der Medizin. Während des Ersten Weltkrieges diente er als Soldat in der k.u.k. Armee und ließ sich nach Kriegsende in Berlin nieder. Am Berliner Psychoanalytischen Institut (BPI) durchlief er als erster Student eine psychoanalytische Ausbildung und war später selbst als Assistent dort beschäftigt. Er absolvierte zunächst eine Lehranalyse bei Karl Abraham und setzte seine Ausbildung danach bei Freud sowie bei Hanns Sachs fort. 1922 wurde sein Aufsatz über „Kastrationskomplex und Charakter“ von Freud als beste klinische Arbeit des Jahres ausgezeichnet. 1930 folgte Alexander, der zahlreiche amerikanische Schüler und Schülerinnen ausbildete, einer Einladung in die USA und erhielt wenig später das Angebot, als Lehranalytiker in Chicago zu arbeiten. Kurz nach seiner Ankunft folgte er einem Ruf an die Chicagoer Universität und erhielt den ersten Lehrstuhl für Psychoanalyse. Er gab seinen Posten jedoch aufgrund der großen Ressentiments seiner Kollegen und Kolleginnen gegenüber der Psychoanalyse und des damit verbundenen feindseligen Klimas bald wieder auf und gründete das Chicagoer Institut für Psychoanalyse, das er 25 Jahre lang leitete. 1938 erhielt Alexander einen Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Illinois, wo er sich große Verdienste um die Anerkennung der Tiefenpsychologie erwarb. Als Direktor des psychiatrischen Forschungsdepartments am Mount Sinai Hospital in Los Angeles widmete sich Alexander ab 1956 in zahlreichen Studien der Untersuchung des psychotherapeutischen Prozesses. Franz Alexander starb am 8. März 1964 in Palm Springs.

Franz Alexanders wichtigster Beitrag für die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie lag auf dem Gebiet der Psychosomatik. In seinem Frühwerk befasste er sich jedoch intensiv mit Problemen der Kriminalpsychologie und leistete mit dem gemeinsam mit Hugo Staub 1929 veröffentlichten Buch Der Verbrecher und seine Richter. Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragraphen einen wichtigen Beitrag zur psychoanalytischen Kriminalpsychologie. Darin interpretierten die beiden Autoren sowohl neurotische Erkrankungen als auch Delinquenz als soziale Anpassungsdefekte, denen eine Störung der kindlichen Sozialentwicklung zugrunde liege. Sie stellten fest, dass „beide, Neurotiker und Verbrecher, (…) an dem Unvermögen gescheitert (sind), ihre konfliktvollen Beziehungen zu der Familie in sozialem Sinne zu lösen“ (Alexander 1929, zit. n. Rattner 1995, 518). Während diese Konflikte beim neurotischen Menschen durch Symptomhandlungen zum Ausdruck kommen, setzt der/die Kriminelle sie in die Tat um. Somit könne der „psychische Inhalt der kriminellen Tat aus der Psychoanalyse der Neurose“ (ebd., 518) verstanden werden. Ebenso wie der neurotisch erkrankte Mensch müssten auch Kriminelle die Ursachen für ihr delinquentes Handeln verstehen lernen. Gefängnisstrafen seien für eine erfolgreiche Resozialisierung ein gänzlich ungeeignetes Mittel, v.a. aufgrund der oftmals sado-masochistischen Persönlichkeitsstruktur der Täter und Täterinnen, deren Verbrechen häufig ein unbewusstes Strafbedürfnis zugrunde liege. Heilung könne somit nur eine tiefenpsychologische Behandlung bringen, wodurch die Kriminellen die Ursachen ihrer Taten begreifen lernen und ihnen eine Eingliederung in die Gesellschaft ermöglicht werden könnte. Jedoch sprachen sich die beiden Autoren keineswegs für eine vollständige Abschaffung der Strafjustiz aus, denn von den aufgrund „innerpsychischer Konflikte“ kriminell gewordenen Delinquenten und Delinquentinnen müssten jene ganz „normalen Kriminellen“ unterschieden werden, „die keine ‚Symptomdelikte’ begehen, sondern ‚einfach’ gemäß ihrem asozialen Überich-Ich ihre aggressive oder perverse Triebhaftigkeit abreagieren“ (ebd., 519).

Bahnbrechend wurden Alexanders Forschungen auf dem Gebiet der Psychosomatik; ein Forschungsgebiet, das besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend das wissenschaftliche Interesse hervorrief. Am Chicagoer Institut widmete er sich zu Beginn der 1930er-Jahre der psychosomatischen Grundlagenforschung und legte seine Ergebnisse 1950 in dem Buch Psychosomatische Medizin vor, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Er konzentrierte sich dabei auf die Krankheitsgenese und kam zu dem Schluss, dass lang andauernde Affekte zu somatischen Organkrankheiten führen können. Alexander plädierte für einen ganzheitlichen, Psyche und Soma einschließenden Behandlungsansatz, der nur über die individuelle Lebensgeschichte der Patienten und Patientinnen erfasst werden könne. Er unterschied zwischen Konversionsneurosen, vegetativen Neurosen und psychogenen organischen Störungen. Während bei Konversionsneurosen, wie etwa der Konversionshysterie, körperliche Symptome als unbewusste „Ausdrucksbewegungen“ auftreten, würden vegetative Neurosen durch psychophysische Spannungs- oder Hemmungszustände entstehen, die von der Art ihres Ausdrucks nicht gedeutet werden können. Vegetative Neurosen können Alexander zufolge die Organfunktion beeinträchtigen, zu chronischen organischen Schäden und schließlich zu einer „psychogenen organischen Störung“ führen. Für die häufigsten psychosomatischen Erkrankungen arbeitete er „Situationsfaktoren-Modelle“ (Rattner 1995, 523) aus, in denen er dem jeweiligen emotionalen Zustand ein eigenes physiologisches Syndrom zuordnete. So erkannte er als Ursache für Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes eine Entwicklungsstörung während der „oralen“ und „analen“ Phase, in welcher der Austausch zwischen dem Kleinkind und seinen Bezugspersonen gestört gewesen sei. Sein Fokus auf die Krankheitsgenese schlug sich auch in Alexanders Untersuchungen zu theoretischen und praktischen Problemen der psychoanalytischen Behandlung nieder. Seiner Ansicht nach führe nicht der intellektuelle Erinnerungs- und Verständnisprozess zu einer Heilung, sondern die „emotional-korrigierende Erfahrung“ in der Übertragung sah er als entscheidenden Faktor für den Genesungsprozess an. Weiters trat er für Behandlungsunterbrechungen ein, wodurch sowohl die „Übertragungsneurose“ gemildert als auch durch die Besinnung der Patienten und Patientinnen auf sich selbst eine Stärkung des Ichs herbeigeführt werden könne. Er warnte vor „Behandlungsgewöhnungen“, da sich „die neurotischen Dynamismen des Patienten meistens sehr bald an den Behandlungsstil des Therapeuten anpassen“ (ebd., 527), und schlug statt dessen vor, durch immer neue Interventionen die Behandlung in Gang zu halten.

In seinem Spätwerk wandte sich Alexander vermehrt kulturpolitischen und philosophischen Fragen zu und setzte sich für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Nachbardisziplinen der Psychoanalyse, wie etwa der Erziehungswissenschaft, Ethnologie oder Soziologie, ein.

_Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1922), Kastrationskomplex und Charakter. Eine Untersuchung über passagere Symptome. In: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 8, S. 121-152.

(1925), Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 11, S. 444-456.

(1927), Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Neun Vorlesungen über die Anwendung von Freuds Ichtheorie auf die Neurosenlehre, Leipzig/Wien/Zürich.

(1929), gem. m. Hugo Staub, Der Verbrecher und sein Richter. Ein psychoanalytischer Einblick in die Welt der Paragraphen, Wien.
Neudruck: (1971), Psychoanalyse und Justiz, hrsg. v. Alexander Mitscherlich, Frankfurt a.M.

(1935), gem. m. William Healy, Roots of Crime, New York.

(1946), gem. m. Thomas M. French (Eds.), Psychoanalytic Therapy. Principles and Application, New York.

(1948), Fundamentals of Psychoanalysis, New York.

(1949), Irrationale Kräfte unserer Zeit. Eine Studie über das Unbewusste in Politik und Geschichte, Stuttgart.

(1950), Psychosomatische Medizin. Grundlagen und Anwendungsgebiete, Berlin.

(1960), The Western Mind in Transition, New York.

(1966), gem. m. Sheldon T. Selesnick, The History of Psychiatry. An Evaluation of Psychiatric Thought and Practice from Prehistoric Times to the Present, with an introd. by Jules Masserman, New York.

Werkausgabe
(1961), The Scope of Psychoanalysis. Selected Papers of Franz Alexander 1921-1961, ed. by Thomas M. French, New York.

Sekundärliteratur

Grotjahn, Martin (1966), Franz Alexander 1891-1964. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 1-13.

Rattner, Joseph (1995), Klassiker der Psychoanalyse, Weinheim, S. 513-535.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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