Die Katalogdatenbank von PADD verzeichnet Briefe, Manuskripte und Dokumente zur Geschichte der Psychoanalyse und enthält zur Zeit über 8.000 Einträge. Ausgewählte Dokumente sind auch faksimiliert als Scans verfügbar.



Fenichel, Otto

Fenichel_otto1

Otto Fenichel wurde 1897 als jüngstes von drei Kindern von Emma Fenichel (geb. Braun) und dem jüdischen Hof- und Gerichtsadvokaten Leo Fenichel in Wien geboren. Er besuchte das Wiener Akademische Gymnasium, schloss sich als Schüler dem radikalen Flügel der Wiener Jugendbewegung und ihren Forderungen nach einer Neuordnung von Schule, Familie und Geschlechtsleben an und setzte sich in seinen Vorträgen für Sexualaufklärung und Sexualethik ein. Nach der Matura begann er 1915 an der Universität Wien mit dem Studium der Medizin, hörte nebenbei Vorlesungen über Soziologie und Philosophie und besuchte Freuds Vorlesungen zur „Einführung in die Psychoanalyse“. Als Reaktion auf die ungenügende und moralbehaftete sexualwissenschaftliche Ausbildung an der Universität verfasste er eine Broschüre über Sexualaufklärung und initiierte 1919 ein sexualwissenschaftliches Seminar für Studenten und Studentinnen, an dem u.a. auch die späteren Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen Wilhelm Reich, Grete Lehner (verh. Bibring), Eduard Bibring und Otto Sperling teilnahmen. Ab November 1918 besuchte Fenichel die Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) und wurde im Juni 1920 nach einem Vortrag „Über Sexualfragen in der Jugendbewegung“ als Mitglied aufgenommen.

Nach der Promotion übersiedelte er 1921 nach Berlin, wo er seine in Wien bei Paul Federn begonnene psychoanalytische Ausbildung nun bei Sándor Radó am Berliner Psychoanalytischen Institut (BPI) fortsetzte und seine neurologischen und psychiatrischen Kenntnisse bei Bonhoeffer und Cassirer vervollständigte (Simmel 1946, 129). Ab 1924 arbeitete er an der psychoanalytischen Poliklinik, wurde zwei Jahre später als Mitglied in die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft und in den Lehrkörper des BPI aufgenommen. Während seiner Berliner Zeit hielt Fenichel über hundert Vorträge und verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Seine Sympathie für den Kommunismus und seine Vorlesungen über die Beziehung von Psychoanalyse und Marxismus stießen bei den älteren Kollegen und Kolleginnen auf wenig Sympathie. Im November 1924 gründete er das sgn. „Kinderseminar“ für jene zumeist jungen Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen, die mit den hierarchischen Strukturen unzufriedenen waren. Innerhalb des Seminars formierte sich bald ein linker Flügel, dem neben Fenichel u.a. noch Edith Jacobson, Erich Fromm, George Gerö sowie Annie und Wilhelm Reich angehörten. Fenichels Begeisterung für den Kommunismus führten ihn Ende der 1920er-Jahre zu „Studienreisen“ in die Sowjetunion. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme floh Fenichel nach Oslo, wo er eine marxistische Opposition innerhalb der IPV um sich sammelte und versuchte, die im Exil verstreuten Mitglieder des linken Flügels des Kinderseminars durch die Versendung „Geheimer Rundbriefe“ zu vernetzen. In den folgenden elf Jahren verfasste Fenichel 119 Rundbriefe, in denen er über die „theoretische, praktische und organisatorische Entwicklung der Psychoanalyse“ berichtete, die „kultur- und sozialhistorischen Zusammenhänge herstellte und die politischen und ökonomischen Bedingungen des Wissenschaftsprozess nicht ausklammerte“ und damit zum „Historiograph der psychoanalytischen Bewegung“ wurde (Reichmayr/Mühlleitner 1996, 743). In Norwegen arbeitete Fenichel als Lehranalytiker und Sekretär der Dänisch-Norwegischen Vereinigung, ließ sich 1935 nach Konflikten mit Reich, der ebenfalls nach Oslo geflüchtet war, in Prag nieder und trat der WPV bei. Nach der Auflösung der Prager psychoanalytischen Gruppe ging Fenichel 1938 ins amerikanische Exil nach Los Angeles. Er wurde in die Los Angeles Psychoanalytic Study Group aufgenommen, beteiligte sich 1942 an der Gründung der San Francisco Psychoanalytic Society und war Mitherausgeber des Psychoanalytic Quarterly. Um eine Zulassung als Arzt zu erhalten, begann er 1945 ein einjähriges psychiatrisches Praktikum am Cedars Lebanon Hospital in Los Angeles. Völlig überraschend starb Otto Fenichel am 22. Jänner 1946 im Alter von 49 Jahren an den Folgen eines Aneurysmas.

Otto Fenichel war nicht nur ein brillanter Lehrer – er selbst bezeichnete seine Lust am Lehren als „teaching libido“ (Simmel 1946, 130) – sondern auch ein herausragender Theoretiker und Systematiker der Psychoanalyse. Im Laufe seiner Karriere hielt Fenichel mehr als 200 Vorträge, veröffentlichte über 500 wissenschaftliche Arbeiten und Rezensionen, in denen er sich mit nahezu allen Aspekten der psychoanalytischen Theorie und Technik beschäftigte. 1934 erschien mit The Outline of Clinical Psychoanalysis das erste psychoanalytische Lehrbuch, das Fenichel großen Respekt bei seinen Kollegen und Kolleginnen einbrachte. 1939 veröffentlichte er mit seiner Arbeit Problems of Psychoanalytic Technique eine kurze Monografie, die nach Greenson zu den beste Beschreibungen von Problemen der psychoanalytischen Behandlungstechnik zählt (Greenson 1966, 443). 1945 erschien mit der Studie The Psychoanalytic Theory of Neurosis Fenichels Hauptwerk, das bis heute zu den Standardwerken der psychoanalytischen Theorie zählt. Darin verdeutlichte Fenichel seine „orthodoxe“ Auffassung von Psychoanalyse und sprach sich gegen die „Theoriefeindlichkeit, den Pragmatismus und die Medizinalisierung“ (Richebächer 2000, 156) der amerikanischen Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen aus, die sich zunehmend von der psychoanalytischen Triebtheorie abwandten und ihren Schwerpunkt auf die Ich-Psychologie, Psychosomatik und Kurzzeittherapie legten. Mit der Neurosenlehre lieferte Fenichel eine systematische, umfassende und detaillierte Studie über Neurosen. Er trennte die verschiedenen klinischen Erscheinungen voneinander und protestierte damit gegen die Tendenz, „die Psychoanalyse in Stücke brechen (zu) wollen, weil einige der Fragmente für psychotherapeutische Zwecke brauchbar erschienen“ (Simmel 1946, 125). Sorgfältig arbeitete er die theoretischen Formulierungen heraus und verglich alte mit neuen, akzeptierte mit kontroversiellen Standpunkten, wobei er jede Frage mit Freuds Ansatz verknüpfte und mit Karl Abrahams, Sándor Ferenczis und Ernest Jones’ wichtigsten Arbeiten verglich (Greenson 1966, 442). Weiters diskutierte er seine von Freuds Theorie abweichenden Ansichten, etwa über die Todestrieblehre. „Mit Fenichel verlieren wir Freud noch einmal“, schrieb Ernst Simmel in seinem Nachruf auf Otto Fenichel. Und weiters heißt es dort: „Damit meine ich, dass wir einen Mann verlieren, der wie kein anderer Zeitgenosse ein treuer Nachfolger Freuds war, der beste Vertreter seiner Lehren und sein schärfster Verteidiger im Kampf mit allen Gegnern, die Freud aus Unkenntnis oder wissenschaftlichem Opportunismus angreifen“ (Simmel 1946, 125).

_Christiane Rothländer
_

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Eine Gesamtbibliografie der Arbeiten von Otto Fenichel ist abgedruckt in: Fenichel (1998), S. 2007-2036.

Primärliteratur

(1919), Grundsätze für jede Sexualethik. In: Kurella, Alfred, Die Geschlechterfrage der Jugend, Hamburg.

(1927), Einige noch nicht beschriebene infantile Sexualtheorien. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 13, S. 166-170.

(1930), Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 16, S. 319-342.

(1931), Die offene Arbeitskolonie Bolschewo. In: Imago 17, S. 526-530.

(1931), Hysterien und Zwangsneurosen. Psychoanalytische spezielle Neurosenlehre, Wien.

(1931), Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen, Wien.

(1932), Psychoanalyse der Politik. In: Die Psychoanalytische Bewegung 4, S. 255-268.

(1934), Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie. In: Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie 1, S. 43-62.

(1934), The Outline of clinical psychoanalysis, New York.

(1935), Zur Kritik des Todestriebes. In: Imago 21, S. 458-466.

(1935), Über Psychoanalyse, Krieg und Frieden. In: Internationales ärztliches Bulletin 2, S. 30-40, 77.

(1937), Frühe Entwicklungsstadien des Ichs. In: Imago 23, S. 243-269.

(1939), Problems of psychoanalytic technique, New York.
dt.: (2001), Probleme der Psychoanalytischen Technik, hrsg. u. eingel. v. Michael Giefer, Gießen.

(1945), The Psychoanalytic Theory of Neurosis, New York.
dt.: (1997), Psychoanalytische Neurosenlehre, 3 Bde., Gießen.

(1998), 119 Rundbriefe, 2 Bde., hrsg. v. Elke Mühlleitner/Johannes Reichmayr, Frankfurt a.M./Basel.

Werkausgaben
(1953-1954), The Collected papers of Otto Fenichel, 2 Vols., New York.

(1998), Aufsätze, 2 Bde., hrsg. v. Klaus Laermann, Gießen.

Sekundärliteratur

Fallend, Karl (1988), Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik, Wien/Salzburg.

ders. (1997), Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier ‚Linksfreudianer’. In: Fallend, Karl/Nitzschke, Bernd (Hrsg.), Der ‚Fall’ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Frankfurt a.M., S. 13-67.

Greenson, Ralph H. (1966), Otto Fenichel 1898-1946. The Encyclopedia of Psychoanalysis. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 439-449.

Gschwendtner, Gabriele (1991), Psychoanalyse, Institutionalisierung, Dissidententum. Untersucht anhand der Biographie und Theorieproduktion von Otto Fenichel, Univ. Diss. Salzburg.

Jacoby, Russel (1983), Die Verdrängung der Psychoanalyse oder der Triumph des Konformismus, Frankfurt a.M.

Ludowyk-Gyömröi, Edith (1995), Erinnerungen an Otto Fenichel und an die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft. In: Luzifer-Amor 8, S. 117-123.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Reichmayr, Johannes/Mühlleitner, Elke (1996), Der Autor von 119 Rundbriefen (1934-1945): Otto Fenichel – Historiograph der psychoanalytischen Bewegung. In: Psyche 50, S. 742-753.

Richebächer, Sabine (2000), Psychoanalyse im Exil. Otto Fenichel und die geheimen Rundbriefe der linken Freudianer. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 42, S. 125-164.

Simmel, Ernst (1946), Nachruf Otto Fenichel. Vorgetragen auf einer gemeinsamen Gedenkfeier der Psychoanalytischen Gesellschaft San Francisco und der Studiengruppe Los Angeles am 8. März 1946. In: International Journal of Psycho-Analysis 27, S. 67-71, wiederabgedr. in: Luzifer-Amor 16 (1995), 124-133.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

Logo_padd_high_130x90

Sigmund Freud Privatstiftung
Berggasse 19
1090 Wien

archiv@freud-museum.at

T: +43-1- 319 15 96-19
F: +43-1- 317 02 79