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Eitingon, Max

Eitingon_

Max Eitingon wurde 1881 im weißrussischen Mohilew als ältester Sohn \r\nvon Chaim und Alexandra Eitingon geboren. Die Familie betrieb in Moskau eine blühende \r\nPelzhandelsfirma mit Niederlassungen in New York, Paris, London, Stockholm und \r\nLodz. 1893 wurde der Firmenstammsitz nach Leipzig verlegt, wohin Max Eitingons \r\nFamilie übersiedelt war und wo sein Vater, ein frommer Jude mit zionistischen \r\nNeigungen, als großzügiger Mäzen wirkte. Eitingon besuchte zunächst \r\ndie Realschule in Leipzig, das Gymnasium brach er ohne Abschluss ab. Trotzdem \r\nbegann er ab 1900 als Hörer mit beschränkter Zulassung zunächst \r\nan der Universität Leipzig, danach in Halle zu studieren. 1902 immatrikulierte \r\ner an der Universität Heidelberg das Studium der Medizin, das er ab 1904/05 \r\nin Zürich fortsetzte. An der Psychiatrischen Klinik Burghölzli, wo Eitingon \r\nvon 1906 bis 1908 als Unterassistent tätig war, begann er sich unter dem \r\nEinfluss seines Lehrers Eugen Bleuler intensiv mit Freuds Schriften auseinanderzusetzen \r\nund besuchte den psychoanalytischen Studienkreis, den Bleuler gemeinsam mit C.G. \r\nJung initiiert hatte. Anfang 1907 traf Eitingon erstmals mit Freud zusammen und \r\nnahm in Wien an den Sitzungen der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft teil. \r\nNach der Promotion übersiedelte er 1909 nach Berlin, um sich an der Klinik \r\nvon Hermann Oppenheim zum Facharzt für Neurologie ausbilden zu lassen. Im \r\nselben Jahr unterzog er sich einer Ausbildung bei Freud, die Ernest Jones später \r\nals „erste Lehranalyse“ in der Geschichte der Psychoanalyse bezeichnen \r\nwird und die etwa 5-6 Wochen lang während Freuds und Eitingons abendlichen \r\nSpaziergängen durchgeführt wurde (Schröter 2004, 4). 1911 begann \r\nEitingon selbst als Analytiker zu praktizieren und zählte ab diesem Zeitpunkt \r\nzu den führenden Persönlichkeiten der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung. \r\n
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\r\nEitingons Beitrag für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse liegt nicht \r\nauf seinen wissenschaftlich-theoretischen Forschungen sondern auf seiner organisatorischen \r\nArbeit. Michael Schröter charakterisiert ihn als „Helfer und Parteigänger, \r\nals Mann des Apparats und des direkten Drahts zu Sigmund Freud, der sich behutsam, \r\naber zielstrebig seine Stellung innerhalb der psychoanalytischen Bewegung aufbaut“ \r\n(ebd., 7). Seine „Ergebenheit gegen Freud, die zu Eitingons hervorstechenden \r\nZügen gehört, war eine Grundbedingung seiner Macht“ (ebd., 19). \r\nSo übernahm Eitingon nach Jungs Rücktritt als Präsident der Internationalen \r\nPsychoanalytischen Vereinigung (IPV) zunächst das Amt des Sekretärs \r\nder Vereinigung. 1920 setzte er mit der Gründung der Berliner Poliklinik \r\nFreuds zwei Jahre zuvor auf dem IPV-Kongress in Budapest angedachte Vision einer \r\nfür jedermann zugänglichen Psychoanalyse in die Tat um. Der Großteil \r\nder finanziellen Mittel und laufenden Kosten für die Klinik wurde bis Anfang \r\nder 1930er-Jahre von Eitingon bestritten, der gemeinsam mit Ernst Simmel auch \r\ndie Leitung übernahm. Die Klinik wurde mit zweierlei Zielen gegründet: \r\nEinerseits der breiten Bevölkerung kostenlose bis erschwingliche psychoanalytische \r\nBehandlungen anbieten zu können. In den folgenden Jahren wurden bis zu 120 \r\npsychoanalytische Behandlungen gleichzeitig von anfangs drei, später fünf \r\nMitarbeitern und Mitarbeiterinnen durchgeführt. Andererseits war die Klinik \r\ndie erste psychoanalytische Ausbildungsstätte für den psychoanalytischen \r\nNachwuchs, der knapp die Hälfte aller Behandlungen durchführte, und \r\nmarkierte damit „den Beginn der psychoanalytischen Ausbildung als einer \r\ninstitutionalisierten, geregelten Veranstaltung“ (ebd., 8). Ab 1921 wurden \r\nneben Lehranalysen und der theoretischen Ausbildung auch supervisorische Beratungen \r\nins offizielle Lehrprogramm aufgenommen. Personalpolitisch hatte die Klinikgründung \r\nEitingons Aufnahme ins „Geheime Komitee“ zur Folge. Auch auf den 1920 \r\ngegründeten IPV-Verlag nahm Eitingon zunehmend Einfluss. Hatte er den Verlag \r\nzunächst v.a. in finanziellen Fragen beraten, wurde er Ende 1924 Aufsichtsrat \r\nund wenig später auch formell Gesellschafter. Auch hierfür trieb Eitingon \r\nbeständig Gelder auf, um den Verlag über Wasser zu halten, büßte \r\nseine Position jedoch 1932 ein, als der Verlag kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin \r\nstand. Im Sommer 1924 wurde er nach Otto Ranks Bruch mit Freud zusammen mit Sándor \r\nRadó und Sándor Ferenczi zum Redakteur der Internationalen Zeitschrift \r\nfür Psychoanalyse ernannt. Nach dem frühen Tod Karl Abrahams übernahm \r\ner 1925 sowohl die IPV-Präsidentschaft als auch die Leitung der Berliner \r\nPsychoanalytischen Vereinigung.
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\r\nEin Schwerpunkt von Eitingons Wirken galt der psychoanalytischen Ausbildung und \r\nder Schaffung einheitlicher Ausbildungsstandards. Auf dem IPV-Kongress in Salzburg \r\n1924 stellte er die unter seiner Leitung ausgearbeiteten „Richtlinien der \r\nAusbildungs- und Unterrichtstätigkeit“ des Berliner Instituts vor. \r\nEin Jahr später wurde auf seine Initiative und unter seinem Vorsitz die Internationale \r\nUnterrichtskommission (IUK) eingerichtet, mit der Eitingon versuchte, die Berliner \r\nRichtlinien innerhalb der IPV durchzusetzen. Seinem Vorhaben war nur kurzfristig \r\nErfolg beschieden, es scheiterte v.a. an der vehementen Ablehnung der Laienanalyse \r\nseitens der New Yorker Psychoanalytischen Vereinigung. Als im Zuge der Weltwirtschaftskrise \r\ndas Eitingonsche Familienunternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geriet und \r\nEitingon nicht mehr in der Lage war, die psychoanalytischen Unternehmungen finanziell \r\nzu unterstützen bzw. zu erhalten, begann ab 1932 seine schrittweise Entmachtung. \r\nSo wurde der kurz vor dem Ruin stehende IPV-Verlag unter Martin Freuds Leitung \r\ngestellt und die Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse \r\nvon Berlin nach Wien verlegt. Eitingon legte schließlich sein Amt als IPV-Präsident \r\nnieder, konnte jedoch den Vorsitz in der IUK und in der Berliner Vereinigung noch \r\nhalten. Aber auch letzteren musste er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme \r\nzurücklegen. Ende 1933 flüchtete er aus Deutschland und ließ sich \r\nin Jerusalem nieder, wo er die Palästinensische Psychoanalytische Vereinigung \r\ngründete. Im Sommer 1938 erlitt er während eines Aufenthaltes in Paris \r\neine schwere Herzattacke, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Max Eitingon \r\nstarb am 30. Juli 1943 im Alter von 62 Jahren in Jerusalem.
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\r\nChristiane Rothländer
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Bibliografie

Auswahlbibliografie
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\r\nPrimärliteratur
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\r\n(1920), Zur Eröffnung der Psychoanalytischen Poliklinik in Berlin. In: Internationale \r\nZeitschrift für Psychoanalyse 6, S. 97f.

\r\n(1923), Bericht über die Berliner Psychoanalytische Poliklinik (März \r\n1920 bis Juni 1922), mit e. Vorw. v. Sigmund Freud, Leipzig/Wien/Zürich.

\r\n(1924), Zweiter Bericht über die Berliner Psychoanalytische Poliklinik (Juni \r\n1922 bis März 1924), Leipzig/Wien/Zürich.

\r\n(1927), Diskussion über die Laienanalyse. In: Internationale Zeitschrift \r\nfür Psychoanalyse 13, S. 324f.

\r\n(1928), Aus der Ansprache bei der Einweihung der neuen Berliner Institutsräume \r\nam 30. September 1928, abgedr. In: Israel Psycho-Analytical Society (Ed.) (1950), \r\nMax Eitingon in memoriam, Tel Aviv, S. 50f.

\r\n(1930), Reminiszenzen aus der Frühzeit der Geschichte der Psychotherapie. \r\nIn: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 16, S. 165-171.

\r\n(1931), Über neuere Methodenkritik an der Psychoanalyse. In: Internationale \r\nZeitschrift für Psychoanalyse 17, S. 5-15.

\r\n(1937), Aus der Frühzeit der Psychoanalyse. Vortrag zu Freuds 81. Geburtstag \r\nin der Chewrah Psychoanalytic b’Eretz Israel, abgedruckt in: Israel Psycho-Analytical \r\nSociety (Ed.) (1950), Max Eitingon in memoriam, Tel Aviv, S. 73-79.
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\r\nBriefausgabe
\r\nSigmund Freud – Max Eitingon (2004), Briefwechsel 1906-1939, 2 Bde., hrsg. \r\nvon Michael Schröter, Tübingen.
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\r\nSekundärliteratur
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\r\nDraper, Theodore (1997), Das Rätsel des Max Eitingon. In: Psyche 51, S. 428-456.

\r\nIsrael Psycho-Analytical Society (Ed.) (1950), Max Eitingon in memoriam, Tel Aviv.

\r\nPomer, Sidney L. (1966), Max Eitingon 1881-1943. The organization of psychoanalytic \r\ntraining. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic \r\nPioneers, New York/London, S. 51-62.

\r\nSchröter, Michael (1997), Max Eitingon ein Geheimagent Stalins? Erneuter \r\nProtest gegen eine zählebige Legende. In: Psyche 51, S. 457-470.

\r\nSchröter, Michael (2002), Die “Eitingon-Kommission” (1927-1929) \r\nund ihr Entwurf einheitlicher Ausbildungsrichtlinien für die IPV. In: Jahrbuch \r\nder Psychoanalyse 45, S. 173-231.

\r\nSchröter, Michael (2004), Der Steuermann. Max Eitingon und seine Roller in \r\nder Geschichte der Psychoanalyse. In: ders. (Hrsg.), Sigmund Freud – Max \r\nEitingon. Briefwechsel 1906-1939, 1. Bd., Tübingen, S. 1-33.
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\r\nZusammengestellt von Christiane Rothländer

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