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Adler, Alfred

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Alfred Adler wurde 1870 als zweites von sechs Kindern des jüdischen Getreidehändlers Leopold Adler in Wien geboren. Nach Abschluss des Gymnasiums begann er 1888 an der Universität Wien mit dem Studium der Medizin. Dort kam er in Kontakt mit der sozialistischen Studentengruppe Veritas, der auch seine spätere Ehefrau Raïssa Timofeyevna Epstein angehörte (Mühlleitner 1992, 17). Nach der Promotion eröffnete Adler 1895 zunächst eine Praxis als Allgemeinmediziner, spezialisierte sich dann auf Neurologie und Psychiatrie. Sein Versuch, sich an der Universität Wien zu habilitieren, verhinderte ein ablehnendes Gutachten von Julius Wagner-Jauregg. Um 1889 trat Adler erstmals mit Sigmund Freud in Kontakt und zählte zu den Gründungsmitgliedern der 1902 ins Leben gerufenen Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft, an deren Sitzungen er regelmäßig teilnahm. 1910 wurde er Obmann der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und leitete zusammen mit Wilhelm Stekel das Zentralblatt für Psychoanalyse. Adler betrachtete sich selbst nie als Freuds Schüler sondern als gleichberechtigter jüngerer Bruder. Nach seinem Bruch mit Freud gründete er 1911 zusammen mit einem Kreis von Anhängern und Anhängerinnen den Verein für freie psychoanalytische Forschung, der späteren Gesellschaft für Individualpsychologie, die ab 1914 die Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie herausgab.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Adler, ein überzeugter Pazifist, zur k.uk. Armee eingezogen und arbeitete als Militärarzt zunächst in Wien, später in Krakau. Nach Kriegsende eröffnete er wieder seine Privatpraxis und bildete an dem von Otto Glöckel gegründeten Pädagogischen Institut der Stadt Wien Lehrer und Lehrerinnen nach den Grundsätzen der Individualpsychologie aus. Auch an den Wiener Volkshochschulen hielt Adler, ein Anhänger des humanistischen Sozialismus, der jedoch jegliche Parteibindung ablehnte, zahlreiche Kurse und Vorträge (Handlbauer 1984, 26). Ab 1924 lehrte er als Professor am Pädagogischen Institut der Stadt Wien und leitete ab 1929 eine Poliklinik für Neurosenbehandlung am Mariahilfer-Ambulatorium. Anlässlich seines 60. Geburtstages wurde er 1930 zum „Bürger der Stadt Wien“ ernannt.

Durch die Gründung von Ortsgruppen in beinahe allen großen europäischen Städten bildete sich rasch eine internationale individualpsychologische Bewegung heraus. 1926 unternahm Adler seine erste Vortragsreise in die Vereinigten Staaten und entschloss sich ein Jahr später endgültig in die USA zu übersiedeln. Ab 1929 lehrte er als Gastprofessor an der Columbia University in New York, erhielt 1932 einen Lehrstuhl für Medizinische Psychologie am Long Island College of Medicine und eröffnete 1935 eine psychotherapeutische Praxis in New York. Alfred Adler starb am 28. Mai 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen an den Folgen einer Herzattacke.

Bereits in Adlers frühen vorpsychoanalytischen Arbeiten, wie etwa dem Gesundheitsbuch für das Schneiderhandwerk (1898) und dem umfangreichen Artikel „Der Arzt als Erzieher“ (1904), zeigen sich seine ausgeprägte sozialkritische Einstellung und sein stark pädagogischer Ansatz. 1907 veröffentlichte er mit der Studie über die Minderwertigkeit von Organen seine erste wissenschaftliche Arbeit. Darin ordnete er den verschiedenen Organen des Menschen unterschiedliche Wertigkeiten zu. Die Minderwertigkeit bestimmter Organe definierte er nach ihrer Lage, Funktion, ihrer Beschaffenheit und wie stark sie im Lebensprozess in Anspruch genommen werden. Aufgrund genetischer oder entwicklungsbedingter Faktoren können manche Organe geschwächt oder krank werden und schließlich sterben. Dieses Defizit sei jedoch durch den gesamten Organismus kompensierbar, wobei Adler dem Zentralnervensystem, dem Gehirn und Seelenleben eine besonders starke Heilfunktion beimaß. Da der menschliche Organismus von Natur aus schlecht auf die vorhandenen Umweltbedingungen vorbereitet und das Individuum dementsprechend lange auf die Hilfe seiner Pflegepersonen angewiesen sei, müsse durch gezieltes Training und Erziehung dieser Organminderwertigkeit entgegengewirkt werden. Andererseits habe gerade die Organminderwertigkeit zu einem „entwickelten seelischen Überbau“ geführt, „der allenfalls kulturschöpfende neue Bahnen beschreitet“ und somit „zum Motor der kulturellen Evolution“ wurde (Rattner 1995, 32).

1908 führte Adler mit seiner Studie Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose den Aggressionstrieb als neuen Partialtrieb in die psychoanalytische Theorie ein. Indem er dem Aggressionstrieb eine ebenso große Bedeutung für die menschliche Entwicklung beimaß wie der Libido, entfernte sich Adler von Freuds Libidotheorie. Ab 1920 sollte sich Freud mit der Einführung der Todestriebtheorie der Adlerschen Position annähern. Einig waren sich Adler und Freud zu dieser Zeit noch über die Einstellung des Kindes zu seiner Umwelt, die beide als feindselig interpretierten. Adler betrachtete gerade die fundamentale Abhängigkeit des Kindes von den Eltern und dessen Wunsch nach Weiterentwicklung als Ursprung der Aggression, die den Aktivitäten des Kindes zugrunde liege. Im selben Jahr wandte er sich in seiner Studie über Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes auch von dieser Freudschen Position ab. Nach Adler ist das Liebesbedürfnis des Kindes und die Interaktion zwischen Mutter und Kind von Geburt an vorhanden und der Mensch somit von Natur aus ein soziales Wesen, das nach Interaktion und Kommunikation verlangt. Damit stellte er Freuds Theorie, dass der Mensch ursprünglich ein autoerotisches, egoistisches Wesen sei, das erst unter dem Einfluss seiner sozialen Umgebung seine narzisstische Position verlassen und eine Objektlibido herausbilden kann, in Frage.

Mit seiner Studie über den Psychischen Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose brach Adler 1910 endgültig mit der Freudschen Psychoanalyse. Er kam darin zu der Auffassung, dass die Unterscheidung zwischen der aktiven Haltung des Mannes und der passiven weiblichen nicht biologisch determiniert, sondern eine Zuschreibung der patriarchalischen Gesellschaft sei. Der Penisneid der Frau, ihr Gefühl der Minderwertigkeit und die Disposition zur Entstehung von Neurosen bei Frauen beruhe nicht auf biologischen Ursachen, sondern sei in erster Linie sozial bedingt. Da sich das Kleinkind aufgrund seiner langen Abhängigkeit von seinen Pflegepersonen als schwach und minderwertig und somit nach den herrschenden Wertmaßstäben als „weiblich“ empfinde, sei das Streben des Kindes nach Macht, der sog. „männliche Protest“, ein gesellschaftliches Phänomen. Damit brach Adler endgültig mit Freuds Ödipustheorie, die er nicht als normales und universales Entwicklungsstadium ansah, sondern als ein durch Erziehungsfehler entstandenes Symptom. Das Kind sehne sich keineswegs nach einer sexuellen Vereinigung mit dem gegengeschlechtlichen und der Beherrschung des gleichgeschlechtlichen Elternteils. Sein Streben nach Macht entspringe der „Tendenz des Menschen, von einem Zustand der Unterlegenheit zu einem Zustand der Überlegenheit überzugehen“ (Ellenberger 1996, 842).

Mit seiner Studie Über den nervösen Charakter (1912) schuf Adler eines seiner bekanntesten Werke. Darin verabschiedete er sich von der Vorstellung der Heredität von Charaktereigenschaften, an der er in seiner Studie über die Organminderwertigkeit noch festgehalten hatte, und interpretierte die Herausbildung bestimmter Charakterstrukturen zwar als individuelle „Schöpfung des Kindes“, die aber auch durch Imitation und Identifikation, also durch den Einfluss der Bezugspersonen, entstünde. Durch falsche Erziehungspraktiken werde das immanent vorhandene Minderwertigkeitsgefühl des Kindes weiter vertieft, das Kind entwickle in der Folge eine tiefe Lebensangst und bilde ängstliche und aggressive Charakterzüge aus, die es durch sein Streben nach Macht zu kompensieren versuche. Adler betrachtete Charaktermerkmale als „Leitlinien“, nach denen das Individuum ein Persönlichkeitsideal anstrebe. Dieses unterscheide sich beim gesunden grundlegend von jenem des neurotischen Menschen. Denn letzterer verinnerliche ein irreales fiktives Ideal, das zumeist außerhalb seiner realen Möglichkeiten liege und zwangsläufig zu einem Scheitern an der Realität führen müsse. Im Gegensatz zum Lebensplan des gesunden ist jener des neurotischen Menschen starr gefasst und dogmatisch. Durch seine irreale Haltung zur Realität scheitert der neurotische Mensch an der Forderung seiner Umgebung nach Kooperation und Kommunikation und ist nicht in der Lage seine sozialen Aufgaben gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen.

Adlers theoretische Überlegungen wirkten sich auch auf seine praktische Arbeit aus. Zwar übernahm er Freuds „biographische Methode“, legte jedoch das Gewicht auf die gegenwärtige Lebenssituation seiner Patienten und Patientinnen und ihren Umgang mit sich selbst und der sie umgebenden Gemeinschaft. Sein theoretisches Konzept von Solidarität, sozialer Kooperation und Gemeinschaftsgefühl fand auch hier seinen praktischen Niederschlag. Er sprach sich für eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit von Therapeut/Therapeutin und Patient/Patientin aus, wobei der Therapeut/die Therapeutin die Rolle eines Erziehers/einer Erzieherin übernehmen solle, die dem Patienten/der Patientin hilft, sich sein/ihr fiktives Lebensziel bewusst zu machen und zu entscheiden, ob er/sie sein/ihr Lebensziel und seinen/ihren Lebensplan korrigieren möchte. Er führte seine Therapien häufig in Gegenwart einer größeren Gruppe durch, der er größere Wirkung für eine gelungene Therapie beimaß als der Hilfe eines einzelnen Therapeuten. Seine Therapien waren wesentlich kürzer als jene der klassischen Psychoanalyse und dauerten zumeist nicht länger als ein Jahr.
Adlers Theorie war geprägt von seinem tiefen Pazifismus, antiautoritären Denken und seiner Solidarität. In seinem Spätwerk entwickelte er seine Lehre zunehmend in Richtung eines „evolutionären Humanismus“, indem er sie „in alle humanistischen und aufklärerischen Bewegungen (einordnete), die ernstlich das Wohl der gesamten Menschheit anvisiert haben“ (Rattner 1995, 30).

_Christiane Rothländer _

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Eine Bibliografie der Werke Alfred Adler findet sich in: Ansbacher, Heinz (1989), Alfred Adlers Sexualtheorien, Frankfurt a.M., S. 162-170.

Primärliteratur

(1898), Gesundheitsbuch für das Schneiderhandwerk, Berlin.

(1904), Der Arzt als Erzieher. In: Ärztliche Standeszeitung 3, H. 13, S. 4-5, H. 14, S. 3-4, H. 15, S. 4-5.

(1907), Studie über die Minderwertigkeit von Organen, Berlin/Wien.

(1908), Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. In: Fortschritte der Medizin 26, S. 577-584.

(1908), Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes. In: Monatshefte für Pädagogische Schulpolitik 1.

(1910), Der psychischer Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. In: Fortschritte der Medizin 28, S. 486-493.

(1912), Über den nervösen Charakter. Grundzüge einer vergleichenden Individual-Psychologie und Psychotherapie, Wiesbaden.

(1920), Praxis und Theorie der Individualpsychologie: Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer, München.

(1927), Menschenkenntnis, Leipzig.

(1929), Individualpsychologie in der Schule. Vorlesungen für Lehrer und Erzieher, Leipzig.

(1933), Der Sinn des Lebens, Wien/Leipzig.

(1934), Zur Massenpsychologie. In: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 12, S. 133-141.

Werkausgaben
(1966ff.), Alfred-Adler-Werkausgabe in 19 Einzelbänden, Frankfurt a.M.

(1983), Ausgewählte Aufsätze, 3 Bd., hrsg. v. Ansbacher, Heinz L./Antoch, Robert L., Frankfurt a.M.

Sekundärliteratur

Ansbacher, Heinz L./Ansbacher, Rowena R. (1972), Alfred Adlers Individualpsychologie. Eine systematische Darstellung seiner Lehre in Auszügen aus seinen Schriften, München.

Bruder-Bezzel, Almuth (1983), Alfred Adler. Entstehungsgeschichte einer Theorie im historischen Milieu Wiens, Göttingen.

Ellenberger, Henry F. (1970), The Discovery of the Unconscious. The history and evolution of dynamic psychiatry, New York.

dt.: Ellenberger, Henry F. (1996), Die Entdeckung des Unbewußten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung, Zürich.

Furtmüller, Carl (1946), Alfred Adlers Werdegang. In: ders., Denken und Handeln, hrsg. von Lux Furtmüller, München/Basel, 1983.

Handlbauer, Bernhard (1984), Die Entstehungsgeschichte der Individualpsychologie Alfred Adlers, Wien/Salzburg.

Handlbauer, Bernhard (1990), Die Adler-Freud-Kontorverse, Frankfurt a.M.

Mühlleitner, Elke (1992), Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938, Tübingen.

Rattner, Joseph (1972), Alfred Adler, Reinbek.

Rattner, Joseph (1995), Alfred Adler. In: ders., Klassiker der Tiefenpsychologie, 2. Aufl., Weinheim.

Selesnick, Sheldon T. (1966), Alfred Adler 1870-1937. The Psychology of the Inferiority Complex. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel, Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 78-86.

Sperber, Manès (1983), Alfred Adler oder Das Elend der Psychologie, Frankfurt a.M. et.al.

Stepansky, Paul E. (1983), In Freud’s shadow. Adler in context, Hillsdale.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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