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Abraham, Karl

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Karl Abraham wurde 1877 als zweiter Sohn einer alten jüdischen Kaufmannsfamilie in Bremen geboren. Nach dem Abitur begann er 1895 zunächst an der Universität Würzburg, danach in Berlin und Freiburg im Breisgau mit dem Studium der Medizin, das er 1901 abschloss. Seine psychiatrische Facharztausbildung absolvierte er an der Berliner Nervenklinik Dalldorf und ab 1904 an der Züricher Psychiatrischen Klinik Burghölzli. Dort kam er durch Eugen Bleuler und C.G. Jung erstmals mit der Freudschen Lehre in Kontakt. 1907 kehrte Abraham nach Berlin zurück, wo er eine psychiatrische Praxis eröffnete, sich jedoch nach kurzer Zeit ganz der psychoanalytischen Behandlung zuwandte und als erster deutscher Psychoanalytiker zu praktizieren begann. Ende desselben Jahres traf er erstmals mit Freud zusammen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte und dessen „Geheimen Komitee“ er angehörte. Im März 1910 gründete Abraham mit der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung die erste Zweigvereinigung der eben ins Leben gerufenen Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV). Wenig später eröffnete er zusammen mit Max Eitingon das Berliner Ausbildungsinstitut für Psychoanalyse. Zu seinen wichtigsten Schülern und Schülerinnen zählten Helene Deutsch, Edward und James Glover, Melanie Klein, Sándor Radó, Theodor Reik, Karen Horney, Ernst Simmel, Felix Boehm und Carl Müller-Braunschweig. Nach Jungs Zerwürfnis mit Freud übernahm Abraham ab 1913/14 die Präsidentschaft innerhalb der IPV, fungierte weiters gemeinsam mit Eduard Hitschmann als Herausgeber des Jahrbuch der Psychoanalyse und ab 1919 als ständiger Mitarbeiter in der Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse sowie des Zentralblattes. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete er als Chefarzt in einer Psychiatrischen Station der preußischen Armee und begann sich mit der Erforschung der Kriegsneurosen zu beschäftigen. Nach Kriegsende nahm Abraham seine psychoanalytische Praxis in Berlin wieder auf und widmete sich intensiv dem Weiteraufbau der Berliner Vereinigung. Ende 1923 erkrankte er an einer septischen Pneumonie, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Karl Abraham starb am 24. Dezember 1925 im Alter von 48 Jahren in Berlin.

Abrahams Werk, das über hundert, zumeist kurze Beiträge umfasst, zeichnet sich durch ein breit gefächertes Interessensspektrum aus. Der Schwerpunkt seiner klinischen Arbeiten liegt vor allem auf dem Gebiet der Psychosenforschung, der Libido-Entwicklung und Charakterbildung. Gleichzeitig beschäftigte er sich aber auch mit Themenbereichen wie der Mythologie, der Traumlehre und Völkerpsychologie oder der psychoanalytischen Biografik. Einflussreich für seine klinischen Arbeiten waren insbesondere Freuds Forschungen über die Libido-Entwicklung. Im Mittelpunkt von Abrahams Interesse stand hierbei v.a. die prägenitale Phase, die er näher präzisierte und deren Einfluss auf die folgenden Stufen der Entwicklung er analysierte. In seinen 1916 entstandenen „Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido“ zeigte er den Zusammenhang zwischen Oralerotik und Sprache, Schlaf, Essstörungen und Rauchen auf, „beschreibt als erster die klinische Bedeutsamkeit der Oralerotik in bezug auf Alkoholismus, die Sucht und das manisch-depressive Irresein (...) und entwickelt in einem großen zusammenfassenden Entwurf die Bedeutung der Oralerotik für die Charakterbildung“ (Cremerius 1999, 28). 1924 führte er seinen Ansatz weiter aus und teilte in seiner Studie über den „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen“ die drei bekannten Phasen der Libido in je zwei Hauptgruppen ein: So ordnete er der oralen Phase die Phänomene des Saugens und Beißens, der anal-sadistischen jene des Zerstörens-Ausstoßens und Beherrschens-Zurückhaltens sowie der genitalen die phallische (Partialbesetzung) und Objektbesetzung zu (ders., 28).

Schon zu Beginn seiner psychoanalytischen Arbeit galt Abrahams klinisches Interesse der Erforschung der Dementia praecox und dem manisch-depressiven Irresein. Übereinstimmend mit Freud erkannte er in der Dementia praecox eine „narzisstische Neurose“, die in erster Linie auf eine Störung der Libido zurückzuführen sei, während er die pathologische Ich-Entwicklung als sekundär ansah. Frühe Deprivation und Traumatisierungen, vor allem während der oralen Phase, und die damit einhergehende Fixierung auf eine infantile Entwicklungsstufe waren für Abraham die ausschlaggebenden Faktoren für eine spätere psychotische Erkrankung. Anhand von plastisch geschilderten Fallgeschichten zeigte er, wie die Patienten und Patientinnen ihre Libido von der Umwelt abzogen, den damit einhergehenden Objektverlust und das Fehlen ihrer Sublimierungsfähigkeit sowie ihre spätere Regression auf infantile Stufen der Analerotik. In seinem 1912 verfassten Aufsatz über die „Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und verwandter Zustände“ beschrieb er die massiv ambivalenten Gefühle seiner Patienten und Patientinnen, die „zu einer gegenseitigen Lähmung der Liebes- und Haßtendenzen führen“ (Rattner 1990, 121), folgendermaßen: Die Unfähigkeit der Kranken zur Objektliebe rufe ausgeprägte Hassgefühle und in der Folge die Vorstellung, von der Umwelt gehasst zu werden, hervor. Dies wiederum führe zu massiven melancholischen Episoden, aus denen die Kranken ihr Recht zu hassen ableiten würden. Abrahams Analyse über den „Zusammenhang zwischen der ersten depressiven Verstimmung des Kleinkindes und möglichen späteren Depressionen“ sollte spätere Forschungsansätze, wie etwa jene von Melanie Klein, maßgeblich beeinflussen (Cremerius 1999, 25f.).

Ein weiteres Forschungsgebiet, mit dem sich Abraham intensiv beschäftigte, stellte die Charakterbildung dar. So beschrieb er nicht nur die verschiedenen Charaktertypen sondern fügte der psychoanalytischen Charakterlehre auch zwei weitere hinzu: den gefügigen und den trotzigen Charakter, deren Reaktionen auf die psychoanalytische Behandlung und die sich daraus ergebenden Folgen für die Technik er darstellte. In seiner Arbeit über_ Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie_ arbeitete er die zahlreichen Parallelen zwischen Träumen und Mythen heraus und „eröffnete den Weg für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Mythologie“ (ders., 30), den u.a. Otto Rank und Theodor Reik fortsetzen sollten.

Christiane Rothländer

Bibliografie

Auswahlbibliografie

Eine Gesamtbibliografie der Arbeiten von Karl Abraham ist abgedruckt in: Abraham (1999), Bd. II, S. 448-461.

Primärliteratur

(1902), Beiträge zur Kenntnis des Delirium tremens der Morphinisten. In: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 25, S. 369-380.

(1904), Über Versuche mit Veronal bei Erregungszuständen der Paralytiker. In: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 27, S. 176-180.

(1904), Über einige seltene Zustandsbilder bei progressiver Paralyse: Apraxie, transkortikale sensorische Aphasie, subkortikale sensorische Aphasie, sensorisch-motorische Asymbolie. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 59, S. 502-523.

(1907), Beiträge zur Kenntnis der motorischen Apraxie auf Grund eines Falles von einseitiger Apraxie. In: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie N. F. 18, S. 161-176.

(1907), Das Erleiden sexueller Traumen als Form infantiler Sexualbetätigung. In: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie N. F. 18, S. 855-866.

(1908), Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia praecox. In: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie N. F. 19, S. 521-533.

(1908), Die psychologische Beziehung zwischen Sexualität und Alkoholismus. In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft 8, S. 449-458.

(1909), Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie, Leipzig/Wien (= Schriften zur angewandten Seelenkunde; 4).

(1912), Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und verwandter Zustände. In: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 2, S. 302-315.

(1916), Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido. In: Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 4, S. 71-97.

(1924), Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen, Leipzig/Wien/Zürich (= Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse; 11).

Werkausgaben
(1969), Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung und andere Schriften, hrsg. u. eingel. v. Johannes Cremerius, Frankfurt a.M.

(1971), Psychoanalytische Studien II, hrsg. v. Johannes Cremerius, Frankfurt a.M.

(1982), Gesammelte Schriften, hrsg. v. Johannes Cremerius, 2 Bde., Frankfurt a.M.

(1999), Psychoanalytische Studien. Gesammelte Werke in 2 Bänden, hrsg. u. eingel. v. Johannes Cremerius, Gießen.

Briefausgaben
Freud, Sigmund Abraham, Karl (1980), Briefe von 1907-1926, hrsg. von Hilda Abraham/Ernst L. Freud, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund Abraham, Karl (2002), The Complete Correspondence of Sigmund Freud and Karl Abraham 1907-1925, ed. by Ernst Falzeder, London/New York.

Sekundärliteratur

Abraham, Hilda (1971), Die Anfänge von Karl Abrahams wissenschaftlicher Arbeit in Berlin. In: Maetze, Gerhard (Hrsg.), Psychoanalyse in Berlin. 50-Jahr-Gedenkfeier des Berliner Psychoanalytischen Instituts (Karl Abraham-Institut). Beiträge zur Geschichte, Theorie und Praxis, Meisenheim, S. 97-105.

Abraham, Hilda (1974), Karl Abraham. An unfinished biography. In: International Review of Psychoanalysis 1, pp. 17-72.

Abraham, Hilda (1976), Karl Abraham. Sein Leben für die Psychoanalyse. Eine Biographie, München.

Cremerius, Johannes (1976), Karl Abraham. Sein Beitrag zur Psychoanalyse. In: Eicke, Dieter (Hrsg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band 2: Freud und die Folgen (I): Von der klassischen Psychoanalyse bis zur allgemeinärztlichen Psychotherapie, Zürich, S. 153-166.

Cremerius, Johannes (1997), Karl Abraham, Freuds Sündenbock und Führer der Wahrheitsforschung. In: Luzifer-Amor 20, S. 64-80.

Decke, Bettina (1997), Karl Abraham: Familie, Kindheit und Jugend in Bremen. In: Luzifer-Amor 20, S. 7-63.

Eitingon, Max/Sachs, Hanns/Radó, Sándor/Reik, Theodor/Wulff, Moshe W. (1926), Gedenkrede über Karl Abraham. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 12, S. 195-218.

Freud, Sigmund (1926), In memoriam Karl Abraham. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 12, S. 1f.

Good, Michael (1966), Karl Abraham, Sigmund Freud and the Fate of the Seduction Theory. In: Journal of the American Psychoanalytic Association 43/4, S. 1137-1167.

Grosskurth, Phyllis (1991), The Secret Ring. Freud's Inner Circle and the Politics of Psychoanalysis, Reading/Massachusetts et.al.

Grotjahn, Martin (1966), Karl Abraham (1877-1925). The first German psychoanalyst. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Eds.), Psychoanalytic Pioneers, New York/London, pp. 1-13.

Hermanns, Ludger M. (1994), Karl Abraham und die Anfänge der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung. In: Luzifer-Amor 13, S. 30-40.

May-Tolzmann, Ulrike (1997), Die Entdeckung der bösen Mutter. Ein Beitrag Abrahams zur Theorie der Depression. In: Luzifer-Amor 20, S. 98-131.

Petersdorff, Christa von (1997), Der frühe Tod des Giovanni Segantini und des Karl Abraham. In: Luzifer-Amor 20, S. 132-150.

Rattner, Josef (1990), Klassiker der Tiefenpsychologie, München.

Shengold, Leonard (1972), A parapraxis of Freud's in relation to Karl Abraham. In: American Imago 29, pp. 123-159.

Shengold, Leonard (1994), Freud, Fließ and Abraham. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 33, S. 9-48.

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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