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Sinopoli, Giuseppe

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Edward John Mostyn Bowlby wurde 1907 als Sohn des königlichen Chirurgen Sir Anthony Bowlby und Lady May Bowlby (geb. Mostyn) als viertes von sechs Kindern in London geboren. Er besuchte zunächst eine Internatsschule und wurde dann an die Marineschule in Dartmouth geschickt. Nach Ende der Schulzeit entschied er sich jedoch gegen eine militärische Laufbahn und trat 1925 ins Trinity College in Cambridge ein. Anschließend arbeitete er an einer Schule für verhaltensgestörte Kinder, die nach dem Prinzip von A.S. Neills Summerhill School organisiert war (Jeremy Holmes 2002, 34). 1929 ließ sich Bowlby in London nieder und begann mit dem Studium der Medizin. Er arbeitete am University College Hospital, trat dem Institute of Psycho-Analysis bei und begann bei Joan Riviere, einer Anhängerin Melanie Kleins, eine Lehranalyse. Nach der Promotion absolvierte er ab 1933 eine psychiatrische Facharztausbildung am Maudsley Hospital und arbeitete ab 1936 an der London Child Guidance Clinic. 1937 schloss er seine psychoanalytische Ausbildung ab und begann sich unmittelbar danach unter der Supervision von Melanie Klein in Kinderpsychoanalyse auszubilden. 1940 meldete er sich freiwillig zum Militär, wurde jedoch nicht einberufen und trat daraufhin einer Gruppe Militärpsychiater bei. Ab 1944 gehörte er einer vom Kriegsministerium eingerichteten Forschungs- und Trainingsabteilung in Hampstead an. Während der Auseinandersetzungen zwischen Melanie Klein und Anna Freud schloss sich Bowlby der „Gruppe der Unabhängigen“ innerhalb der British Psycho-Analytical Society (BPS) an. 1944 schlug ihn Sylvia Payne, die Präsidentin der BPS gegen den Widerstand von Klein als Training Secretary vor, obwohl Bowlby nicht als Lehranalytiker anerkannt war.

Nach Kriegsende wurde Bowlby Mitglied des von der Regierung eingerichteten Ausschusses für psychische Gesundheit. Als Jock Sutherland zum Direktor der Tavistock Clinic, dem Ausbildungszentrum der Schule Melanie Kleins, gewählt wurde, übernahm Bowlby die Position des Stellvertreters und begann an der Klinik eine Kinderabteilung aufzubauen. Er richtete ein Klinikservice ein, führte Supervisionen durch, übernahm den Vorsitz bei Fallbesprechungen und entwickelte zusammen mit Esther Bick Richtlinien für eine Kinder-Psychotherapie-Ausbildung (ebd., S. 43). Im Auftrag der WHO fertigte Bowlby eine Studie über die psychische Gesundheit von obdachlosen Kindern an und reiste dazu durch ganz Europa und die Vereinigten Staaten. Seine Arbeit für die WHO schlug sich Anfang der 1950er-Jahre im Aufbau einer Forschungsgruppe für psychische Gesundheit an der Tavistock Clinic nieder, die mit den lokalen Gesundheitsdiensten, Allgemeinärzten und Sozialarbeitern zusammen arbeitete.

Von 1956 bis 1961 war Bowlby als Stellvertreter von D.W. Winnicott, dem Präsidenten der British Psycho-Analytical Society tätig, führte den Vorsitz des von ihm gegründeten Forschungsausschusses und richtete das Public Relations Committee und ein Curriculum Komitee ein. Ab 1963 war er neben seiner Arbeit an der Tavistock Clinic als Teilzeit-Mitglied des Medical Research Councils tätig. Bowlby erhielt zahlreiche nationale und internationale Ehrungen, so wurde er etwa zum „Commander of the British Empire“ ernannt, war Ehrenmitglied der Royal Society of Medicine und Mitglied der British Academy und erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten Cambridge und Leicester. 1972 zog er sich von seiner Tätigkeit im National Health Service und im Medical Research Council zurück, arbeitete aber weiterhin an der Tavistock Clinic. John Bowlby starb 1990 in seinem Ferienhaus in Skye an den Folgen eines Schlaganfalles.

Bowlbys Arbeitsschwerpunkt lag mehr auf der Forschung, Theorie und Organisation denn auf der therapeutischen Praxis. In seinem Frühwerk zeigt sich sein starker Reformdrang und die Hoffnung, mittels Psychotherapie seelischen Störungen präventiv vorbeugen zu können und damit nicht nur dem einzelnen Individuum zu helfen sondern auch eine Veränderung der Gesellschaft herbeiführen zu können. Er betonte die Bedeutung von Umwelteinflüssen auf die kindliche Entwicklung und stand damit im genauen Gegensatz zu Melanie Klein, die er für ihre Überbetonung der kindlichen Phantasie und ihre ungenügende Berücksichtigung der Umwelt bei der Entstehung seelischer Störungen kritisierte.

1951 legte er mit der von der WHO in Auftrag gegebenen Studie Maternal Care and Mental Health seine Ergebnisse über die Auswirkung von Trennung und Verlust auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung vor, die er 1953 in einer populärwissenschaftlichen Fassung unter dem Titel Child Care and the Growth of Love veröffentlichte. Das Buch wurde zum Bestseller und in zehn Sprachen übersetzt; allein die englische Ausgabe verkaufte sich 450.000 Mal (ebd., 44). Zentrale Bedeutung maß Bowlby der primären Bindung zwischen Mutter und Kind bei, die zum Kernstück seiner Bindungstheorie werden sollte, wobei er die kindliche Sexualität weitgehend unberücksichtigt ließ. Besonders die Trennung von der Mutter in den ersten Lebensjahren betrachtete er als ursächlich für die Entstehung psychischer Störungen. Er betonte die Schädlichkeit der „Mutterentbehrung“ und beschrieb die durch Trennung und Deprivation hervorgerufenen körperlichen, intellektuellen und psychischen Schädigungen sowie Verhaltensstörungen von Kindern und deren langfristige Folgen. Bowlbys Kritik, Kleinkinder über längere Zeit hinweg von der Mutter zu trennen, fand seinen Niederschlag in dem berühmten, Anfang der 1950er-Jahre zusammen mit dem Filmemacher und Psychoanalytiker James Robertson realisierten Film A two-year old goes to hospital, der großen Einfluss auf die Neuregelung von Besuchszeiten in Krankenhäusern hatte. Bowlby forderte professionelle Ausbildungskriterien für die Kinderbetreuung und sprach sich für die Aufwertung der Mutterschaft in der Gesellschaft aus. Seine oft unrealistische Idealisierung der Mutterschaft fand in Bowlbys Privatleben ihren Niederschlag, indem er die Erziehung der vier Kinder in erster Linie seiner Frau überließ, während er selbst zumeist abwesend war. Bowlbys Theorien riefen heftige Kritik von Seiten der Feministinnen hervor, die ihm vorwarfen, die Biologie als Rechtfertigung für die „natürliche“ Rolle der Frau innerhalb der patriarchalischen, aber vaterlosen Familie (Leupnitz 1988) zu benutzen.

Bowlby betonte in seinen Arbeiten die zentrale Rolle von transgenerationalen Übertragungen psychischer Krankheiten und beschrieb anhand von „Deprivationszyklen“, wie die psychischen Störungen der Mütter die Entstehung und Fortdauer der Probleme ihrer Kinder bedingen. Einflussreich für Bowlbys Forschungen wurden ab Beginn der 1950er-Jahre die ethologischen Arbeiten von Konrad Lorenz und Nicolaas Tinbergen, die er mit der Psychoanalyse zu verbinden versuchte. Bowlbys Bindungstheorie entstand aus seiner Kritik an der psychoanalytischen Trieb- und Objektbeziehungstheorie und „kann (...) als eigenständiger Prozess angesehen werden, der von anderen Dynamiken unabhängig ist – zum Beispiel Sexualität oder Füttern – genauso wie sich unterschiedliche Organe des Körpers relativ unabhängig voneinander entwickeln“ (Holmes 2002, 85). Die Bindungstheorie ist eine räumliche Theorie, mit der Bowlby das Bindungsverhalten des Individuums beschrieb, das nach seiner Auffassung „monotrop“ und auf eine einzige Person, zumeist die Mutter, beschränkt ist. Für Bowlby war der Bindungsstatus ausschlaggebend für die Beziehung des Individuums zur Gesellschaft. Fehle eine in der frühkindlichen Entwicklung entstandene sichere Basis (Ainsworth 1982), eine Kernbindung, entwickle das Individuum eine „ängstliche Bindung“, die entweder zu Vermeidung oder Festklammern führe, wodurch das Individuum nicht handlungsfähig sei. In seiner zwischen 1964 bis 1979 verfassten monumentalen Trilogie – Attachment (1969), Separation (1973) und Loss (1980) –, die zum Bestseller wurde, beschrieb er Verlust und Trennung als ausschlaggebende Faktoren bei der Entstehung psychischer Störungen und die darauf folgenden psychischen Reaktionen, wie Zorn und Trauer. Er betonte die Wichtigkeit diese Gefühle ausdrücken zu können und untersuchte die Abfolge von Trauerreaktionen. Bowlby war „eher Theoretiker als Therapeut“ und beschäftige sich mehr „mit dem beobachtbaren Verhalten als mit der inneren Welt“, „nichtsdestotrotz“ ist die Bindungstheorie als „(...) ein Kind der Psychoanalyse (...)“ anzusehen (Holmes 2002, 153).

_Christiane Rothländer
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Bibliografie

Auswahlbibliografie

Primärliteratur

(1938), gem. mit Evan Durbin, Aggressiveness and War, London.

(1939), Jealous and spiteful children. In: Home and School IV/5, pp. 83-85.

(1940), The influence of early environment in the development of neurosis and neurotic character. In: International Journal of Psycho-Analysis 21, pp. 154-178.

(1944), Forty-four juvenile thieves: their characters and home life. In: Internationale Journal of Psycho-Analysis 25, pp. 19-53, 107-128.

(1946), The future role of the child guidance clinic in education and other services. Report of the Proceedings of a Conference on Mental Health. In: National Association for Mental Health (14.-15. Nov.), pp. 80-89.

(1947), The therapeutic approach in sociology. In: The Sociological Review 39, pp. 39-49.

(1951), Maternal Care and Mental Health, Genf/London (= World Health Organisation, Monograph Series; 2).

(1952), gem. mit James Robertson, A two-year-old goes to hospital. In: The Psychoanalytic Study of the Child 7, pp. 82-94.

(1953), Child Care and the Growth of Maternal Love, London (gekürzte Fassung von Maternal Care and Mental Health, 1951).
dt.: (1972), Mutterliebe und kindliche Entwicklung, mit e. Beitrag von Mary D. Salter Ainsworth, München/Basel (4. Auflage erschienen unter dem Titel Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, München, 2001).

(1958), The nature of the child’s tie to his mother. In: International Journal of Psycho-Analysis 39, pp. 350-373.
dt.: (1959/60), Über das Wesen der Mutter-Kind-Bindung. In: Psyche 13, S. 415-456.

(1960), Separation anxiety. In: International Journal of Psycho-Analysis 41. pp. 89-113.
dt.: (1961), Die Trennungsangst. In: Psyche 15, S. 411-464.

(1960), Grief and mourning in infancy and early childhood. In: The Psychoanalytic Study of the child 15, pp. 9-52.

(1969), Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment, London.

dt.: (1975), Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, München.

(1973), Attachment and Loss, Vol. 2: Separation: Anxiety and Anger, London.
dt.: (1976), Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind, München.

(1979), The Making and Breaking of Affectional Bonds, London.
dt.: (1982), Das Glück und die Trauer. Herstellung und Lösung affektiver Bindungen, Stuttgart.

(1981), Attachment and Loss, Vol. 3: Loss: Sadness and Depression, London.
dt.: (1983), Verlust, Trauer und Depression, Frankfurt a.M.

(1988), A Secure Base: Clinical Applications of Attachment Theory, London.

(1990), Charles Darwin. A New Biography, London.

Sekundärliteratur

Ainsworth, Mary (1982), Attachment: retrospect and prospect. In: Parkes, Colin Murry/Stevenson-Hinde/Joan (Eds.), The Place of Attachment in Human Behaviour, London.

Brazelton, Berry T./Cramer, Bertrand (1994), Die frühe Bindung. Die erste Beziehung zwischen dem Baby und den Eltern, 2. Aufl., Stuttgart.

Grosskurth, Phyllis (1992), Melanie Klein. Leben und Werk, Stuttgart.

Hamilton, Victoria (1985), John Bowlby: an ethological basis for psychoanalysis. In: Reppen, J. (Ed.), beyond Freud. A Study of Modern Psychoanalytic Theories, New York.

Hamilton Victoria (1991), Personal reminiscences of John Bowlby. In: Tavistock Gazette (Autumn).

Holmes Jeremy (2002), John Bowlby und die Bindungstheorie, mit einem Vorwort von Martin Dornes, München/Basel.

Hunter, Virginia (1991), John Bowlby: an interview. In: Psychoanalytic Review 78, pp. 159-165.

King, Pearl/Steiner, Riccardo (2000), Die Freud/Klein-Kontroverse 1941-1945, Stuttgart.

Kraemer, S. (1991), Personal reminiscences of John Bowlby. In: Tavistock Gazette (Autumn).

Leupnitz, Deborah (1988), The Family Interpreted, New York.

Mackenzie, John M. (1991), Reminiscences of John Bowlby. In: Tavistock Gazette (Autumn).

Malan, David (1991), John Bowlby remembered. In: Tavistock Gazette (Autunm).

Rayner, Eric (1992), John Bowlby’s contribution, a brief survey. In: Bulletin of the British Psycho-Analytical Soviety, pp. 20-23.

Trowell, Judith (1991), Personal reminiscences of John Bowlby. In: Tavistock Gazette (Autumn).

Zusammengestellt von Christiane Rothländer

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