Die Katalogdatenbank von PADD verzeichnet Briefe, Manuskripte und Dokumente zur Geschichte der Psychoanalyse und enthält zur Zeit über 8.000 Einträge. Ausgewählte Dokumente sind auch faksimiliert als Scans verfügbar.



Fichtl, Paula

Paula Fichtl wurde am 2. März 1902 geboren und verbrachte ihre Kindheit in Gnigl in Salzburg. Die Familie war durch eine Fehlspekulation des Großvaters in finanzielle Schwierigkeiten gekommen und bestritt den Lebensalltag mit beschränkten Mitteln. Der Vater, den Fichtl als sehr distanziert und häufig abwesend erlebte, arbeitete bei der Eisenbahn. Paulas Mutter starb früh bei der Geburt der zweiten Tochter und wurde binnen Jahresfrist durch eine neue Ehefrau als Versorgerin der Kinder ersetzt. Die Bindung Paulas an die früh verstorbene Mutter wurde durch die Verbundenheit mit der Schwester Maria nur notdürftig ausgeglichen. Den finanziell schwachen Verhältnissen der Familie entsprechend kam die kleine Paula bereits mit sechs Jahren bei einer Familie in Stellung, um das Familieneinkommen aufzubessern. Zunächst als Verkaufshilfe, später als Küchen- und Stubenmädchen in verschiedenen Arbeitgebern tätig, erlangte sie in den folgenden Jahren viele Kenntnisse, die sie auch während ihres langjährigen Dienstes bei der Familie Freud einsetzen konnte.

1927 schließlich verließ Paula Fichtl die heimatliche Salzburger Gegend und nahm eine Stelle in Wien an. Als Kindermädchen war sie zwei Jahre bei Dorothy Burlingham, Anna Freuds späterer Lebensgefährtin und ihrerseits Analytikerin, im Dienst, bevor sie 1929 – im gleichen Haus zwei Stockwerke tiefer— bei der Familie Freud zu arbeiten begann. Als „erstes Stubenmädchen“ kümmerte sich Fichtl um die Freud‘schen Wohn- und Behandlungsräume und wurde besonders von Sigmund Freud als seine „Kleine“, mit der er seine Hunde-Liebe teilen konnte, hochgeschätzt. Auch umsorgte sie den zu diesem Zeitpunkt bereits kranken aber unablässig arbeitenden Freud nach besten Kräften – und viele seiner PatientInnen gleich mit, wenn sie diesen vor oder nach der Therapiesitzung Kaffee und Kuchen servierte.
Nach den Ereignissen vom März 1938 – dem „Anschluss“ Österreichs, SS- und Gestapo-Razzien in der Berggasse 19 sowie Anna Freuds Verhaftung von der Gestapo – waren die Freuds gezwungen, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. Aus Loyalität und mangels eigener Familie emigrierte auch die Nicht-Jüdin Paula Fichtl 1938 mit „ihrer“ Familie Freud nach London; gemeinsam mit Sigmund, Martha und Anna Freud sowie der Kinderärztin Josephine Stroß nahm sie am 4. Juni den Orientexpress nach Paris. Sigmund Freuds Tod im Jahr darauf traf sie sehr, und in den folgenden Jahren setzte sie alles daran, der restlichen Familie Freud so unentbehrlich wie nur möglich zu werden. Ihr Dienst wurde während der Jahre 1940/41 jäh unterbrochen, als die britische Regierung sämtliche nicht als Verfolgte klassifizierte Flüchtlinge oder Zuwanderern als „enemy aliens“, also potenziell gefährliche Fremde, klassifizierte und internierte. Paula Fichtl wie auch Freuds Sohn und Enkel wurden in Internierungslagern auf der Isle of Man inhaftiert. Die Verhältnisse in den Lagern waren unterschiedlich, wobei Frauen häufig in leerstehenden Hotels oder Pensionen in abgeriegelten Dörfern untergebracht wurden. Freuds Söhne traf ein härteres Los: Martin Freud musste zunächst auf Stroh schlafen, sein Sohn Walter wurde nach Australien verschifft. Erst nach vielen Interventionsversuchen wurde Paula Fichtl 1941 aus dem Internierungslager auf der Isle of Man wieder freigelassen und konnte endlich ihren Dienst fortsetzen.

Besuche in die österreichische Heimat waren selten – Fichtls Zuhause war die Familie Freud, und so kam es nicht überraschend, dass sie sich schlussendlich um die britische Staatsbürgerschaft bewarb und diese auch erhielt. Bei der Einrichtung des Sigmund Freud Museums in Wien spielte sie aufgrund ihres großen Wissens um den Freud’schen Alltag eine zentrale Rolle: Dank ihrer Arbeitsaufgaben wie beispielsweise das Abstauben der Bücher und Antiken konnte sie sich an zahlreiche Details erinnern und half gerne bei der Errichtung einer Gedenkstätte für ihren hochgeschätzten Dienstherrn mit. Bei der Eröffnung des Museum 1971 zählte sie zu den Ehrengästen und wurde 1980 sogar mit der Ehrenmedaille für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Die späteren Jahre in Paula Fichtls Leben waren einerseits geprägt von wachsender Bedeutung in Analytikerkreisen aufgrund ihrer jahrelangen fürsorglichen und verwöhnenden Zuwendung Familie, Gästen und KollegInnen gegenüber sowie wegen ihrer Begeisterung für das Erbe Freuds in ihrer Funktion als „Museumswächterin“ in seinen unangetasteten Londoner Arbeitsräumen. Reisen führten sie nach Frankreich und sogar in die Vereinigten Staaten, auch schwere Verluste blieben ihr gegen Ende ihres ereignisreichen Lebens nicht erspart: Fichtl überlebte nicht nur ihre Schwester Marie, sondern außerdem Minna Bernays, Martha Freud und schließlich Anna Freud.

Paula Fichtls sich verschlechternder Gesundheitszustand verlangte nach Annas Tod schließlich eine Entscheidung über ihren weiteren Verbleib, und so übersiedelte sie 1983 zurück nach Österreich in ein Altenheim in Salzburg. Hier fand sie auch wieder Anschluss an ihre eigene Familie, insbesondere ihr Neffe Fritz Mosshammer kümmerte sich um sie. An der Eröffnung des Freud Museums in London 1986 konnte Paula Fichtl aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr teilnehmen. Nach ihrem Tod am 8. August 1989 kam über Fritz Mosshammer auch ein Teil ihres Nachlasses, darunter zahlreiche Fotos aus dem Alltagsleben der Freuds in London, in den Bestand des Sigmund Freud Museums.

Simone Faxa 2017

Bibliografie

Detlef Berthelsen, "Alltag bei Familie Freud. Die Erinnerungen der Paula Fichtl", Hamburg 1987

Brigitte Spreitzer (Hg.), „Anna Freud – Gedichte, Prosa, Übersetzungen“, Wien 2014

https://www.loc.gov/item/mss3999001462/

Objekte

Paula Fichtl mit Chow, B-6, Fotographie, Papier
Paula Fichtl und Anna Freud bei der Enthüllung der Sigmund-Freud-Stele (1977), B-5, Fotographie, Papier
Colin Peter Freud mit 2 Jahren und 9 3/4 Monaten, Billet für Paula Fichtl, B-47, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit Anna Freud bei der Enthüllung der Sigmund-Freud-Stele am Bellevue, B-4, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit zwei Personen vor der Eingangstür in Maresfield Gardens, 70er Jahre, B-3, Fotographie, Papier
Fichtl mit Chow in Maresfield Gardens, B-21, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit Colin P. Freud, B-20, Fotographie, Papier
Paula Fichtl bei Filmaufnahmen, B-2, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit Colin P. Freud, B-19, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit Colin P. Freud, B-18, Fotographie, Papier
Paula Fichtl in einem Zimmer, B-17, Fotographie, Papier
Billet von Colin P. Freud (vermutlich von W. Ernest Freud (Halberstadt) oder seiner Frau Irene Chambers verfaßt), Paula Fichtl mit Colin, B-16, Fotographie, Papier
Paula Fichtl beim Lesen ihrer Biographie, nach 1987, B-543, Fotographie, Papier
Paula Fichtl im Rollstuhl auf einer Wiese, ihre Biographie vor der Brust, nach 1987, B-542, Fotographie, Papier
Paula Fichtl in der Küche, mit zwei Milchflaschen in den Händen, lachend, 1970er Jahre, B-540, Fotographie, Papier
Paula Fichtl beim Backen, 1970er Jahre, B-539, Fotographie, Papier
Paula Fichtl beim Backen, 1970er Jahre, B-538, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, 1976, B-537, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, 1976, B-536, Fotographie, Papier
Paula Fichtl bei Rückkehr nach Salzburg, 1980er Jahre, B-534, Fotographie, Papier
Paula Fichtl (1933), B-533, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, lachend, etwa 1980, B-531, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, etwa 1980, B-530, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, London (1938), B-259, Fotographie, Papier
Anna Freud, Paula Fichtl, B-4, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, B-3, Fotographie, Papier
Anna Freud mit Paula Fitchl, B-28, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, B-21, Fotographie, Papier
Paula Fichtl und Peter Collin Freud, B-20, Fotographie, Papier
Paula Fichtl und Peter Collin Freud, B-19, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, B-17, Fotographie, Papier
Billet von Colin P. Freud (vermutlich von W. Ernest Freud (Halberstadt) oder seiner Frau Irene Chambers verfaßt), Paula Fichtl mit Colin, B-16, Fotographie, Papier
Hochzeitsfoto, B-56, Fotographie, Papier
Paula Fichtl beim Lesen ihrer Biographie, 1987 oder später, B-541, Fotographie, Papier
Anna Freud bei einem Spaziergang mit Paula Fichtl und Hund am Strand, B-28, Fotographie, Papier
Jugendfoto Paula Fichtls 1932, B-580, Fotographie, Papier
Paula Fichtl mit Chow, B-7, Fotographie, Papier
Paula Fichtl stehend mit Chow, B-8, Fotographie, Papier
Hochzeitsfoto, Paula Fichtl in der letzten Reihe, links hinter der Braut, B-56, Fotographie, Papier
Handgeschriebene Widmung aus einem Buch, das Anna Freud P. Fichtl schenkte, 1968, B-535, Fotographie, Papier
Paula Fichtl, Anna Freud, B-5, Fotographie, Papier
Colin Peter Freud, B-47, Fotographie, Papier
Paula Fichtl bei Filmaufnahmen, B-2, Fotographie, Papier
Paula Fichtl und Peter Collin Freud, B-18, Fotographie, Papier
Logo_padd_high_130x90

Sigmund Freud Privatstiftung
Berggasse 19
1090 Wien

archiv@freud-museum.at

T: +43-1- 319 15 96-19
F: +43-1- 317 02 79