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Turnheim, Michael

Michael Turnheim (*22.10.1946 in Wien, +27.11.2009 in Paris), Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Universitätsdozent unter anderem an der Universität Wien, war ein österreichisch-französischer Neurologe und Analytiker. Er fühlte sich schon früh zum Beruf des Analytikers hingezogen und beschäftigte sich bereits in jungen Jahren eingehend mit den Werken Freuds, Abrahams und Kleins, begann Anfang der 70er Jahre sogar auf eigenen Wunsch eine erste Analyse. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Wien absolvierte er von 1972 bis 1977 auch seine neurologische Ausbildung an der Universitätsklinik in Wien, die ihn mit Freud verbindet, um in weiterer Folge ab 1975 bei Jacques Lacan in Paris eine psychoanalytische Ausbildung abzuschließen. Von 1977 bis zu Lacans Tod 1981 war er auch bei ihm in Analyse. Turnheims Lebensmittelpunkt verlegte sich beinahe gänzlich von Wien nach Paris, das zum Hauptfeld seines beruflichen Wirkens wie auch seines Familienlebens wurde. Trotz allem brach er nicht komplett mit Wien: ab 1993 hielt er regelmäßig Vorlesungen an der Universität Wien ab. Als Jacques Lacan 1980 seine 1964 gegründete Schule, die Ecole Freudienne de Paris, auflöste, begründete er im selben Jahr die Ecole de la Cause Freudienne, mit deren Leitung er, gemeinsam mit zwei anderen Analytikern, Jacques-Alain Miller betraute. Hier baute Turnheim eine umfassende Bibliothek auf, verließ die Institution jedoch 1998 im Zuge interner Konflikte. Mitte der neunziger Jahre begann Turnheim sich zudem für Derridas Werk zu interessieren und verknüpfte dieses mit den Ansichten Freuds und Lacans. Das Forschungsgebiet Turnheims war also sichtlich vielfältig: neben fachspezifischen Themen wie dem Verhältnis zwischen Lacan und Freud bzw. Lacan und Derrida, oder den umfassenden Themenkreisen von Autismus und Psychose, spielten auch Philosophie, Literatur oder Musik eine Rolle in seinem beruflichen Leben. Diese Verbindung von weiter entfernten Themenkreisen mit der Psychoanalyse machen einen der besonderen Aspekte von Michael Turnheims Werk aus.

Auch privat war Michael Turnheim ein interessierter und facettenreicher Mensch mit Interessen, die sich über Musik, Mathematik und Kunst erstreckten und ihn, wie sein Freund Franz Kaltenbeck in seiner biographischen Notiz zu Michael Turnheim anmerkt, zu einem Intellektuellen mit starken Sympathien zu kulturellen angelsächsischen Szene machten. 1972 lernte er seine Frau Dian kennen, mit der er zwei Söhne bekam. Er arbeitete in Paris als Psychiater, Psychoanalytiker und Supervisor und war darüber hinaus Leiter eines Tagesspitals für autistische und psychotische Kinder in der Umgebung von Paris. Kurz nach seinem Tod wurde Michael Turnheim von der Universität Wien mit dem Professorentitel ausgezeichnet.

Ab 1993 regelmäßige Vorlesungstätigkeit an der Medizinischen Universität Wien, Vorlesungstitel: Freud, Lacan, Derrida

Bibliografie

Werkauswahl:

Freud und der Rest (1993)

Versammlung und Zerstreuung (1996)

Das Andere im Gleichen (1999; französische Übersetzung: L’autre dans le même, 2002)

Das Scheitern der Oberfläche (2004)

Mit der Vernunft Schafen (2009)

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